“Nein. Jetzt nicht! Vielleicht nachher. Wenn ich es schaffe. Nein! Jetzt kann ich nicht. Ich muss das noch lesen.”

“Wie immer. Nie hat er Zeit. Immer ist irgend etwas anderes wichtig. Nie ich!”

“Es tut mir leid. Wirklich. Eigentlich würde ich ja gerne, aber ich muss hier fertig werden. Nachher vielleicht.”

“Warum ist er so zu mir? Ich habe doch nichts gemacht. Er mag mich nicht mehr. Ich habe etwas falsch gemacht. Aber ich weiß nicht einmal was.”

“Wann hört dieses Generve endlich auf? Ich kann doch nichts dafür. Irgendwann muss ich diesen Kram doch erledigen. Ich habe jetzt keine Zeit. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Versteh doch! Ich mache das schließlich auch für Dich!”

“Habe ich darum gebeten? Hast Du mich jemals danach fragen hören? Oder meinst Du nur, dass ich das so will?”

“Jetzt zieh nicht so ein Gesicht. Ich mach das wieder gut. Bestimmt. Nachher. Oder morgen. Ganz bestimmt am Wochenende.”

Weg ist es! Weg ist dieses Paar Augen. Dieses Paar Augen dass ich so liebe. Hat sich samt Körper umgedreht und ist gegangen. Mein letzter Satz ist ohne Antwort geblieben. Obwohl - Du hast geantwortet. Nur ohne Worte. Ich sollte mir mehr Zeit nehmen. Was heißt hier mehr. Ich sollte mir überhaupt Zeit nehmen. Aber wann habe ich schon einmal Zeit. Wann, wenn nicht jetzt? Mit jedem Tag der vergeht, wird die Zeit weniger wichtig. Zu mindestens für uns. Später brauchst du meine Zeit nicht mehr. Nicht mehr so wie jetzt. Jede ungenutzte Stunde ist eine verlorene Stunde. Das klingt platt und ist es auch. Aber dafür ist es die Wahrheit. Vielleicht muss ich die Prioritäten anders setzen? Im Büro kann ich das doch auch. Mir ist hier soviel wertvolles anvertraut worden. Ich habe kein Recht darüber zu entscheiden, wann ich Zeit dafür habe. Das gehört nicht zu meinen Aufgaben. Und die anderen Dinge? Welche anderen Dinge sind es wert, die wertvollen, nie wiederkehrenden Momente mit dir verstreichen zu lassen? Oder vielmehr ohne dich! Keine? Einige? Letztendlich doch alle? Kann ich die verfügbare Zeit überhaupt so einteilen, dass es alle zufrieden stellt? Dich, mich und die Bank? Genug gefragt. Antworten müssen her. Schwierige Antworten. Oder vielmehr Antworten auf schwierige Fragen. Genau genommen sind die Antworten schon da. Von oben betrachtet, von ganz weit oben betrachtet, gibt es nur das Eine. Und nur das ist wichtig. Nur das Eine, das nicht aufschiebbar ist. Klar. Die Bank will ihr Geld. Die andere Bank auch. Aber sind das dicke Auto und das große Haus es wirklich wert? Wie teuer bezahle ich diese Dinge wirklich? Das hat mir der Kreditberater nicht gesagt. Das stand nicht auf der Liste. Ich sollte es wissen. Die Antworten auf diese Fragen kennen. Das ist meine Aufgabe. Und natürlich kenne ich die Antworten. Nur bin ich wohl nicht stark genug um so zu handeln. Zu viel Druck aus allen Richtungen.

Und noch ein Mal dreht sich dieses geliebte Augenpaar um und schaut her. Ruht auf mir. Wartet auf die Zeit, die ich ihm versprach. Erwartungsvoll und gleichzeitig unendlich traurig, weil es weiß, dass ich dieses Versprechen nicht einhalten werde. Mal wieder?

“Schau nicht so! Ich habe doch nichts gemacht!”, will ich schreien. Aber Du würdest erwidern: “Eben! Immer hast Du etwas anderes zu tun. Das kannst Du doch auch später machen. Warum hast Du keine Zeit für mich. Jetzt! Für uns? Ich werde nicht ewig warten. Der Moment wird vorbeigehen und es wird Deine Schuld sein. Ich werde mich alleine beschäftigen und irgendwann werde ich aufhören zu fragen, weil ich die Antwort kenne. Gelernt habe. Von Dir! Und nur für den Fall, dass Du dann doch Zeit hättest - Es könnte sein, dass mich das dann nicht mehr interessiert!”

Hast du wirklich solche Gedanken, oder interpretiere ich nur Deinen Blick falsch? Kannst Du so denken? Oder setze ich mich nur selber unter Druck? Noch mehr Druck! Aber Du musst es können. Ich habe Deine Augen gesehen. Immerhin. Ich habe das Signal entdeckt. Die Warnung verstanden. Mich vor mir selbst erschreckt. Erschreckt, wie schnell alles gegangen ist. Die ganze Zeit habe ich es nicht gemerkt. Erst jetzt. Gerade eben, als du mich ansahst. Die Erkenntnis reifte fast fünf Jahre lang. Fünf Jahre, die uns fehlen werden. Es hätten aber auch 18 werden können. Da wären wir nicht die ersten, denen es passiert.

“Komm. Die Sonne scheint nicht ewig. Lass uns gehen. Jetzt!”, höre ich mich sagen. Irgendwie, ganz weit weg.

“Was geht hier vor? Hat er das eben wirklich gesagt? Hat er die Zeitung weg gelegt und ist aufgestanden? War das ein Lächeln? Das glaube ich nicht. Das kann nicht sein! Ob ich Stürmer oder Torwart sein will?

Stürmer. Papa! Stürmer!

Die Sonne schien direkt in den Spiegel und kitzelte mich in den Augen. Ich musste kneistern. Ist Euch eigentlich schon einmal aufgefallen, wie dämlich man aussieht, wenn man kneistert? Ich muss zumindest davon ausgehen, dass ich dabei dämlich aussehe, denn wenn ich jemanden Anderen sehe der kneistert, sieht das immer sehr dämlich aus. Mich selber kann ich während des Kneisterns ja nicht sehen. Nach all den anderen Menschen die ich dabei beobachtet habe, kann ich allerdings auch sehr froh darüber sein. Aber lassen wir das. Ich saß auf dem Hochstellstuhl und wartete darauf, dass Tina Zeit für mich hatte. Tina ist mein persönliches Synonym für Frisöse. Meine erste Frisöse hieß Tina. Die Zweite auch. Die Dritte habe ich dann nicht mehr gefragt. Ich hatte die Regelmäßigkeit erkannt. Lustigerweise hat einmal eine Frisöse behauptet, sie hieße Manuela. Ich habe sie gefragt, warum sie denn ihren wirklichen Namen verleugne. Da hat sie nur sehr dämlich geguckt und mit den Augen gekneistert. Ich grübele heute noch darüber nach, ob die Delle, die sie mit der Rasiermaschine in mein Haupthaar schnitt, nicht vielleicht doch Absicht war. Irgendwie war diese Tina seltsam. Wie auch immer. Gestern saß ich jedenfalls in einem neuen Frisiersalon. „Hairfair“ - jeder Schnitt 10 Euro. Muss man ja mal testen. Während ich also auf Tina wartete, schien mir die gespiegelte Sonne mitten ins Gesicht. Als Tina dann endlich kam, fragte sie gleich, wie ich es denn haben wollte. Ich hatte gerade noch den Gedanken von den dämlich kneisternden Menschen im Kopf und mir muss innerlich noch sehr lustig zu Mute gewesen sein. Anders kann ich mir meine Frisur-Wunsch-Beschreibung jedenfalls nicht erklären. Ich sagte zu ihr, sie solle es so machen, als ob sie mich anschließend mit nach Hause nehmen wollte. Ich fand diese Bemerkung lustig. Frauen reagieren allerdings mitunter sehr seltsam auf Dinge, die ich lustig finde. Und Tina? Sie ging, ohne ein Wort zu sagen, zu der Sitzgruppe für die Wartenden, nahm eine Bunte Zeitschrift vom dazugehörigen Tisch, schnitt an irgendeiner Seite herum und kam dann mit dem Schnipsel wieder zu mir zurück. „Hier, halt Dir das mal vor Dein Gesicht“ sagte sie und drückte mir Brad Pitt in die Hand.

Manche Tinas sind wirklich seltsam.

„Zögernd öffnete er die Tür.“ — Ich schmeiße den Roman in die Ecke. So ein dreckiger Schund. Dieser Satz ist nur der Gipfel von zweiundvierzig dreckigen Schundseiten. Welcher beschränkte Mensch traut sich, so etwas einen Roman zu nennen? Stolz sollte ich sein, dass ich überhaupt bis hierher durchgehalten habe. Immer in der Erwartung, dass sich mir spätestens auf der nächsten Seite der Sinn dieses Textes erschließen wird. Doch ich bin nicht stolz. Ich bin am Ende. Ich kann nicht mehr. Ich will keine kraftlosen Plattitüden, keine vorhersehbaren Wendungen, keine flachen Charaktere. Es ist immer wieder das Gleiche. Du nimmst einen Text. Du liest ihn. Deine Gedanken schweifen irgendwann ab. Du hast keine Chance bei ihm zu bleiben. Immer wieder. Du freust Dich schon über andere Namen, andere Orte oder andere Papiersorten. Das sind an einem Donnerstagabend Deine Höhepunkte. Einsame Höhepunkte nach vier Tagen voller Qual und Ekel. Es widert Dich an. Jeden Tag etwas mehr. Jede Woche. Jeden Monat. Und irgendwann wirst Du Dich rächen. An ihm. Er stiehlt Dir Deine Zeit. Schickt Dir seinen unverlangten Bockmist. Und Du musst ihn lesen. Er meint, er wäre der Allergrößte. Der Beste. Nur leider unverstanden. Bisher. Aber jetzt schlüge seine Stunde. Weil er seinen Roman, diesen Drecksroman endlich fertig geschrieben hat. Er wird gefeiert werden. Er wird hofiert werden und die Leute werden ihm seinen erbärmlichen Dreck aus den Händen reißen. Er sieht sich im Scheinwerferlicht und im tosenden Applaus.

Doch er hat nicht mit mir gerechnet. Denn ich bin die Hürde, die Instanz und die Möglichkeit.
In Wirklichkeit.

Ich sammle die losen Blätter aus der Ecke des Büros zusammen, stopfe sie zurück in den Umschlag und verlasse den Raum. Durch den leeren Flur gehe ich zu der Sekretärin des Lektorats und knalle ihr den Umschlag auf den Tisch. Auf einen Zettel schmiere ich: „Ablehnung! Lass es vier Wochen liegen. Dann Standardschreiben. Wieder nur Dreck! Reiner, erbärmlicher Dreck!“ Meine Augen wandern auf die fünf neuen Umschläge in meinem Postfach.

Dreck.

Es ist Montag und ich habe Kopfschmerzen. Und ich bin spät dran. Meine morgendliche Zwangs-U-Bahnfahrt beginnt wie so häufig an der Nervenklinik. Mit dem Glück der späten Bahn erhasche ich einen Sitzplatz und nehme meine aktuelle Untergrundlektüre aus dem Rucksack.

Am U-Bahnhof Pankstraße setzt sich ein alter Mann neben mich. Er guckt maulig und war bestimmt im Krieg. Er hat diesen Blick. Diesen Blick der alten Herrschaften, die mir einimpfen wollen, was sie seinzeit alles für unser Land geleistet haben. Diesen Blick, der vorwurfsvoll bohrend kritisiert, was meine Generation daraus gemacht hat. Aus all ihren Leistungen.

U-Bahnhof Voltastraße. Schon bei der Einfahrt des Zuges ahne ich Schlimmes. Es sind Stimmen zu hören. Kinderstimmen. Viel mehr Kinderstimmen, als ich an einem Montagmorgen mit Kopfweh ertragen kann. Natürlich hält der Wagen in dem ich sitze genau vor der Kinderschar. Die Türen öffnen sich und es strömen gefühlte 200 Erstklässler in den Zug. Die Sitzbank gegenüber ist leer und wird zwangsläufig von zwei der Eindringlingen okkupiert. Der maulige Held neben mir schaut auf. Neben der Bank ist ein Junge übrig geblieben. Er will nicht stehen und fordert seine Kameraden - im Übrigen alle drei mit Migrationshintergrund - auf, Platz zu machen. Diese denken jedoch nicht daran. Es passiert, was passieren muss. Es wird lauter. Es wird gekabbelt. Es fallen ein paar Wörter, die Mami und Papi so nicht zu Hause hören wollen. Aber alles im U-Bahnverträglichen Rahmen. Der Alte neben mir schaut auf. Na klar. Drei kleine Türken und der maulige Mann. Das geht doch schief. Der Alte holt jetzt Luft. Ich mache mich innerlich bereit, für einen drohenden Blick. Mindestens. Der Maulige fasst dem dem immer noch stehenden Kind an die Schulter, ich klappe mein Buch zu. Er sagt: “Ey nu mach da ma keenen Stress! Hia sez da hinn!”, steht gleichzeitig auf und drückt den Kleinen dabei auf seinen freigewordenen Platz. Und das alles mit der liebsten Lieblingsopastimme der Welt. Es folgt ein Augenzwinkern und er stellt sich ohne ein weiteres Wort, einfach so, neben die Tür.

Ich bin baff. Und irgendwie … irgendwie glücklich.

Für einen Moment liebe ich mein Berlin.

Haben sie bitte mal ein Taschentuch für mich? Vielen Dank. Ich habe mir gerade Kaffee über den Schlips geschüttet. Macht rubbeln Kaffeeflecken eigentlich schlimmer oder besser? Ach, schlimmer? Na ja, auch egal. Das war sicherlich auf absehbare Zeit mein letzter Schlips. Mir bleiben schätzungsweise noch 20 Minuten, bis mein Chef hier hereinplatzt und mich einen Kopf kürzer macht.

Wenn ich recht überlege, wird der Kopf wohl eher nicht reichen. Ich kann mir die Szene nachher schon fast bildlich vorstellen. Aber ich werde es ihm nicht leicht machen. Ich bin die Ruhe selbst. Ich sitze hinter meinem Schreibtisch und trinke in Ruhe meinen Kaffee. Gut, ich habe mir gerade den Schlips versaut, weil meine Hand etwas zittert, aber das kriege ich bis nachher hin. Die Frage ist ja auch, wie viel der alte Sack weiß. Wenn er alles herausbekommen hat, bin ich quasi tot. Wenn er nur einen Bruchteil mitbekommen hat verbringe ich die nächsten 10 Jahre hinter Gittern. Realistischer Weise wird sein Wissensstand irgendwo dazwischen liegen, was die Sache nicht unbedingt angenehmer macht. Ich bin jetzt soweit gegangen, ob es da wohl etwas ausmacht, wenn ich ihn einfach erschlage? Noch bevor er irgendetwas sagt? Viel zu verlieren habe ich wohl nicht. Die schwere Marmorbriefbeschwererkugel auf meinem Tisch wäre doch genau richtig. Die lässt sich auch gut wieder säubern. Aber was mache ich, wenn er nicht alleine kommt? Wenn er den Vorstand dabei hat? Oder wenn er gleich mit der Polizei anrückt? Auf meinem Bildschirm kann ich sehen, wie sie mir näher kommen. Gerade sind sie falsch abgebogen – ich denke, das verlängert mein Warten um weitere 15 Minuten. Ob ich noch ein paar falsche Fährten legen soll? Aber wozu? Am Ende finden sie mich ja doch. Sie haben gerade das Datenbank Backup der letzten Woche eingespielt. Wenn sie sich nicht allzu dumm anstellen, sollten sie bald merken, dass das ein Fehler war, weil die Daten inkonsistent sein werden. Ich hätte nicht wirklich gedacht, dass sie auf diese Finte hereinfallen, dass war zu offensichtlich. Vielleicht sollte ich sie tatsächlich noch etwas ärgern und künstliche Netzwerklast erzeugen, damit die Datenübertragung länger dauert. Ich könnte meine mp3 Sammlung mal eben auf dem Backup-Server ablegen. Das hätte noch den netten Nebeneffekt, das die Datensicherung heute Nacht schief gehen wird, weil nicht mehr genug Platz da ist. Sehen sie? Ich bin schon wieder dabei. Genau so bin ich die Situation hier geraten. Eigentlich habe letzten Mittwoch ich nur eine falsche Eingabe in unserer Kundendatei gemacht und habe einen Datensatz über eine 120.000€ Lieferung versehentlich gelöscht. Dummerweise war ich dabei so gründlich, dass es ohne das Rückspielen der Datensicherung unmöglich wurde, eine Rechnung für den Kunden zu schreiben. Da mir am Montag bereits etwas Ähnliches passiert ist und mir unser Datensicherungsexperte halb im Scherz und halb im Ernst mit Prügel gedroht hat, weil er wieder extra Arbeit für mich erledigen musste, habe ich beschlossen die kleine Korrektur diesmal selbst vorzunehmen. Ganz unauffällig, so dass es keiner mitbekommt. Ich kann das, weil ich hier in unserer Firma das Computermädchen für alles bin. Eingestellt bin ich als Administrator für unseren Mail-Server, aber ich bekomme eben hier und da etwas mit, wenn ich mich durch die ganzen Mails arbeite, die Tag für Tag über meinen Server huschen. Die Leute scheinen immer noch nicht begriffen zu haben, dass man besser keine Geheimnisse über eMails austauscht.

Also, eigentlich kann ich unsere Datenbanken auch warten und kann Änderungen rückgängig machen. Nur letzten Mittwoch hat das irgendwie nicht funktioniert und ich habe die Arbeit des ganzen Tages binnen Sekundenfrist vernichtet. Das ging wirklich schnell. Erstaunlich. Wir haben 120 Sachbearbeiter, die sich um die Kunden kümmern und ich schätze mal, die haben bis 13.09 Uhr (Zeitpunkt des Desasters) schon eine Menge erledigt. Hätte ich jetzt sagen sollen, „Sorry Leute! War keine Absicht, aber macht einfach alles noch einmal!“? Gut, aus der heutigen Sicht betrachtet wäre es natürlich besser. Aber am Mittwoch schien es mir noch aussichtsreicher, einfach meine Spuren zu verwischen und den Datenbankserver abstürzen zu lassen. Dann würden die Jungs aus der Datensicherung einfach das letzte Backup einspielen müssen und selber verkünden, dass die Arbeit vom Mittwoch hinüber ist. Mein Plan musste natürlich schnell umgesetzt werden, damit in der Zwischenzeit niemand den Fauxpas bemerkte. Also bin ich kurzerhand zum Serverraum rüber. Die Kombination vom elektronischen Zahlenschloss kannte ich aus einer eMail. Dann habe ich kurzerhand zwei Festplatten aus dem Datenbankserver gezogen (wie praktisch diese wartungsfreundlichen Henkel an den Festplatteneinschüben doch sind) und mich kurzfristig am hektischen roten Blinken des Servers gefreut. Dann habe ich ihm die Platten zurückgegeben. Allerdings habe sie dabei vertauscht, was dem Raid-System gar nicht behagt hat. Auf meinem Weg nach draußen, sah ich etwas Anderes hektisch rot blinken, was ich vorher noch nie habe rot blinken sehen. Im Serverraum war eine Überwachungskamera? Warum hatte das noch nie einer in einer eMail geschrieben? Verdammt. Ich konnte nur hoffen, dass die Videos auch digital aufgezeichnet wurden. Der Datenbankserver piepste jetzt hilfeheischend und ich sollte lieber machen, dass ich wegkam. Bald würde ein Techniker etwas merken und feststellen, dass soeben ein Server verstorben war. Ich schätzte die Chance, dass der Techniker merken würde, dass jemand die Platten vertauscht hatte als relativ unwahrscheinlich ein und wenn schon. Dem Server war eh nicht mehr zu helfen, denn er hatte bei dem verzweifelten Versuch sein Raid-System wieder auf die Reihe zu bekommen sein eigenes Todesurteil unterschrieben. Falls der Techniker doch merken sollte, dass die Platten vertauscht waren (immerhin waren sie von außen nummeriert) blieb mir jetzt schätzungsweise eine halbe Stunde, um die gespeicherten Aufnahmen der Überwachungskamera zu vernichten. Auf dem Weg zu meinem Büro kam mir Mark von der Technik entgegen und grüßte grimmig. Ich schätze, wenn er da schon gewusst hätte, dass er nicht nur den weiten Weg zum Serverraum laufen musste, sondern eine komplette Wiederherstellung vor sich hatte, wäre mir keine Beschreibung mehr für seinen Gesichtsausdruck eingefallen.

In meinem Büro angekommen loggte ich mich auf dem Überwachungsserver ein (noch einmal und für alle: EMAILS SIND NICHT SICHER! Versenden sie keine Passwörter oder sonstige Zugangscodes per eMail) und fand auch relativ schnell die Überwachungskamera im Serverraum. Ich beobachtete Mark einen Moment lang, wie er fast weinend vor dem Datenbankserver stand und bemitleidete in Gedanken den armen Menschen an der IT-Hotline, der den 120 Sachbearbeitern gerade versuchte zu erklären, dass der Datenbankserver zur Zeit nicht zur Verfügung steht und das er keine Ahnung hat, wann wieder mit dem Betrieb zu rechnen sei. Aber ich hatte genug eigene Probleme. Es dauerte etwas länger als erwartet, bis ich Zugriff auf die Aufnahmen von meinem Anschlag hatte. Als mich selbst dort vor dem Server gebückt von hinten betrachtete, beschloss ich (mal wieder) mich ganz dringend um eine Diät zu kümmern. Mit zwei Klicks waren die kompromittierenden Aufnahmen gelöscht und die Welt wieder in Ordnung. Plan geglückt. Job gerettet und Gesicht gewahrt. Sollten sich doch die dummen Techies hinstellen und die Schelte einstecken.

Selbstzufrieden genehmigte ich mir einen starken Kaffee und lehnte mich in meinem Stuhl zurück. Ich war gerade dabei ein paar Mails zu checken, als die Nachricht rumkam, dass der Datenbank Server leider ausgefallen sei und wohl erst morgen zur Verfügung stünde. Kurz darauf nahm der private eMail Verkehr derart zu, dass es schwer wurde, den Überblick zu behalten und mich auf die bekannten Namen aus der IT-Abteilung konzentrierte. Fast panisch flossen Informationen hin und her, dass dieser komplette Ausfall ein Desaster für die Firma werden würde, denn offensichtlich war mit dem letzen Backup irgendetwas schiefgegangen (ach was!) und den Technikern gelang es nicht, den Server neu zu installieren. Der Abteilungsleiter schrieb, sie sollten jetzt das Notbackup herauskramen und es - egal wie lange es dauern würde- installieren. Notbackup? Was zum Henker ist das Notbackup? Es ist unglaublich, was die Leute alles per mail verschicken und dann erwähnt nie jemand das Notbackup? Ok. Ich bin ja flexibel. Also schnell mal das mail-Archiv nach dem Wort Notbackup durchforsten lassen. Blöd ist nur, dass der Server im Moment durch die privaten Plaudereien der arbeitslosen Sachbearbeiter belastet ist, das kostet mich jetzt wertvolle Zeit. Bumm. Volltreffer. Diese mail, muss ich seinerzeit wohl überlesen haben. Es gibt tatsächlich noch eine Kopie des Backups auf einem alten ausgemusterten Server. Für den Fall der Fälle. Keine Frage, dass dies genau so ein Fall ist. Ach was? Bernd hat sich bereits mit dem Server verbunden und die Datenübertragung gestartet. Der Kerl ist ja heute richtig flink. Aber nicht mit mir, mein Freundchen. Dem schicke ich erst mal ein paar nette Tittenbilder als Slideshow, dann ist er abgelenkt und wird nicht merken, wenn ich den Transfer unterbreche. Das rumgezittere meiner Hand ist nicht besser geworden, nur der Kaffee kälter. Ich bin nah dran die Nerven zu verlieren, denn dieser dumme Notbackup-Server ist schneller als erwartet. Kein Wunder, hat ja sonst auch nichts zu tun. Offensichtlich komme ich von hier da nicht ran. Also wird mal wieder ein Spaziergang fällig, aber Mark ist immer noch im Serverraum. Was mich noch einmal auf den Gedanken mit dem Erschlagen von vorhin zurückkommen lässt. Wenn mir nicht bald was einfällt, bin ich am Ende. Ich schätze mal, mittlerweile habe ich nicht nur meinen Job eingebüsst, sondern habe bei den kläglichen Versuchen ihn zu retten gleich gegen einige Gesetze verstoßen. Na super. Wie erkläre ich meiner Frau die Story? Vielleicht sollte ich mich steigern? Ich fange mit der versauten Krawatte an, gehe zur Arbeitslosigkeit über und ende dann geschickt überleitend mit der fünf- bis zehnjährigen Haftstrafe, die mich wegen des Totschlags erwartet.

Ich höre schon fast die Faust des Chefs an die Tür klopfen, so dicht sind sie mir auf den Fersen. Verzweifelt fange ich an, den Notbackup-Server mit sinnlosen Netzwerkpaketen zu malträtieren, was ihn nicht wirklich aufhält, aber dafür etwas ablenkt und das Backup langsamer zurück kopiert wird. Wenige Sekunden wird mir das im Endeffekt bringen, aber der Verzweifelte braucht ja etwas, um sich daran zu klammern. Ich überlege gerade, wie viel Zeit mir wohl bleiben könnte, das zurück gesicherte Backup erneut zu manipulieren. Wenn ich diesmal etwas mehr aufpasse, sollte ich in 15- bis 20 Minuten die paar Datenbank-Einträge korrigiert haben. Das könnte klappen. Genauer gesagt, das muss klappen, denn der dusslige Server hat mich gerade komplett ausgesperrt. Na toll. Die automatische Konfiguration der Firewall hat mich wegen der ständigen gleichen Netzwerkpakete als bösen Angreifer identifiziert und mir schlicht und einfach die Tür vor der Nase zugehauen. Ganz klasse, wenn die eigenen Ideen so toll funktionieren. Wie lange habe ich damals für das Geld für dieses Automatik-Modul geredet, argumentiert und präsentiert und jetzt ist es ein weiterer Nagel zu meinem Sarg. Also wieder zurück zu meinem Mail-Server und auf die Bestätigung warten, dass das Backup da ist. Zeit kann ja so langsam vergehen. Den heißen Kaffee hatte ich mir vorhin ja direkt auf die Krawatte gekippt und jetzt ist nur noch kalter übrig, den möchte ich eigentlich nicht wirklich trinken. Aber ich kann es nicht wagen, jetzt zum Kaffeeautomaten zu gehen. Obwohl, es sind ja nur die paar Schritte. Und es kann auch noch Stunden dauern, bis das Backup wieder eingespielt ist. Die Firewall blockt mich immer noch, so dass ich keine Chance habe, den Fortschritt des Backups zu beobachten. Na was soll’s, wer bremst verliert, oder so ähnlich.

Den Blick fest am Monitor mache ich mich auf den Weg zur Tür. Der Flur ist menschenleer und ich muss jetzt zwangsläufig den Monitor alleine lassen. Macht auch nichts, denn ich konnte schon die letzten drei Meter eigentlich nichts mehr erkennen. Ich sagte ja eben bereits, der Flur ist menschenleer. Nur mein Chef steht am Kaffeeautomaten. Den zähle ich jetzt mal ganz einfach zur Gattung der Schweine, so dass ich das mit dem menschenleer nicht wiederrufen muss. Langsam dreht er seinen Schweinekopf in meine Richtung und sagt „Na, schon gehört?“.
Klar, viel früher als mir lieb war.
„Was denn?“, frage ich honigsüß zurück.
„Na von dem Datenbankserver. Der ist ausgefallen und der ganze Betrieb liegt lahm.“.
„Wow! Weiss man denn schon warum?“, frage ich lammmäßig zurück.
„Nein. Aber der Schaden wird in die Hunderttausende gehen und wenn sich herausstellen sollte, dass da einer Mist gebaut hat, dann möchte ich nicht in dessen Haut stecken.“.

Die Haare auf meinen Unterarmen hatten sich unbemerkt aufgerichtet und irgendwie war mir gerade etwas wärmer geworden.
„Gut. Da bekommt jemand dann etwas Ärger. Aber was will man denn machen? So etwas macht ja wohl keiner mit Absicht“, klang mein hoffnungsvoller Versuch zu meinem Chef hinüber.
„Na da denken Sie wohl etwas naiv! Das verlorene Geld durch den Arbeitsausfall werden wir uns Cent für Cent zurückholen. Da wird wohl jemand nie wieder glücklich.“ Kurze Pause. „Wenn wir denn jemanden finden können. Aber so sauer wie die Jungs aus der Technik sind, werden sie da mit genügend Motivation herangehen.“.

Das Neonlicht auf dem Flur verhinderte wohl weitestgehend, dass man mir die aufsteigende Blässe ansieht.
„Na, dann wollen wir mal das Beste hoffen!“. Auf diese Antwort bin ich jetzt doch ein bisschen stolz. Der Schweine-Chef nickt mir freundlich zu und wir ziehen mit unseren Kaffeebechern in die entgegengesetzte Richtung von dannen. Dieses Gespräch hat nicht für ein verstärktes Zittern von beiden Händen gesorgt, sondern vor allem auch viel mehr Zeit gekostet, als ich veranschlagt hatte. Kann denn heute bitteschön nicht irgendetwas mal klappen? Warum muss der Becher auch immer so voll sein. Dieser blöde Automat. Beim schnellen Gehen habe ich mir diesmal den oberen Teil des Kaffees direkt über den Hemdärmel geschüttet. Egal. Wenn ich mich jetzt nicht beeile, brauche ich nie wieder ein Oberhemd. Ich lasse mich auf meinen Bürostuhl fallen und fluche über diesen zügellosen mail-Verkehr. Ich war keine fünf Minuten weg und habe satte 157 mails verpasst. Da. Vor rund einer Minute hat Bernd Vollzug gemeldet. Der Datenbankserver sei am hochfahren. Der bekommt jetzt sicherlich eine Zulage wegen der schnellen Arbeit. Nun gut. Jetzt bin ich wieder am Zug. Und ich habe einen Plan. Diesmal wird mir nicht der gleiche dumme Fehler passieren. Aha. Der Datenbank-Server ist tatsächlich wieder da. Echt nicht schlecht, der Bernd. So, jetzt aber los. Klicky-di-klack. Klick. Klack. Und hier noch ein paar Klicks. Und fertig. Wow. Ich glaube es ja fast noch nicht. Aber so ganz langsam stellt sich eine ungeheure Entspannung ein. Alles fällt von mir ab. Im selben Moment geht die Tür auf und mein Chef steht vor mir.

Er schaut mich unheimlich finster an und sagt „Mir ist eben aufgefallen, dass der Datenbank-Server wieder da ist. Ich hätte da noch eine Frage. Haben SIE eventuell eine Idee, wie…“.

Mehr sagt er nicht. Kann er auch nicht, weil er meinen Briefbeschwerer mitten auf die Nase bekommen hat. Aus zugegebenermaßen relativ geringen Abstand. Sieht nicht schön aus. Macht aber nichts. Denn ich habe gut getroffen. Der steht nicht wieder auf und fragt keine Dinge mehr. Es ist wirklich unglaublich, wie leicht man sich fühlen kann, wenn alles vorbei ist. Soll ich mir noch die Mühe machen und das hier auch vertuschen? Hmm. So richtig viel Erfolg hatte ich mit dem Vertuschen in letzter Zeit ja irgendwie nicht. Meine Gedanken haben sich in dem Moment erledigt, als sich die Türklinke wieder bewegt. Bernd kommt rein und sieht glatt über den toten Schweine-Chef hinweg. Er schaut mir fest in die Augen und fragt eiskalt: „Hat der Alte dich schon erreicht? Ist ihm ja etwas peinlich, aber er hat sein Passwort für den Mail-Server vergessen und braucht deine Hilfe. Hehe, wenn du es geschickt anstellst, wirst du sogar noch eine Gehaltserhöhung raushandeln können, so peinlich ist ihm das.“ Während er den Satz sagte, wanderte sein Blick auf den Fußboden und bleibt an dem hässlichen roten Blutfleck neben dem Schweine-Chef hängen. Ich glaube, das wird jetzt etwas länger dauern, diese Geschichte zu erklären.

So richtig erfolgreich war dieser Tag irgendwie nicht.

Ich hätte mich niemals darauf einlassen sollen. Warum sage ich nur immer wieder ja? Dabei habe ich extra einen Volkshochschulkurs „Nein-Sagen“ mitgemacht. Für 17,25€, an zwei Samstagnachmittagen. Aber da habe ich auch nur mitgemacht, weil mich jemand gefragt hat, ob ich nicht mitmachen wolle.

Jetzt stehe ich hier schon seit zehn Minuten und schneide Gemüse- und normale Zwiebeln in kleine Würfel. Meine beste Freundin wird morgen 30 und feiert ganz groß in ihrer kleinen Wohnung. Viel kosten darf die Feier nicht. Sie hat schließlich nur wenig Geld und daher hat sie alle ihre besten Freunde gefragt, ob sie nicht irgendetwas mitbringen können. Und die allerbesten Freunde dürfen sogar richtig was kochen. Eigentlich habe ich gar keine Zeit. Mir schwirrt mein Kopf. Alle wollen irgendetwas von mir. Meine Exfrau will mehr Geld, mein Vermieter will die letzten beiden Mieten, mein Chef will mehr Einsatz, meine Bank will mehr Rendite und meine allerbeste Freundin will mehr von meinem allerbesten Chili. Dabei hat meine Mutter immer gesagt, dass es „möchte“ heißt – und nicht „will“. Das mit dem Chili hat meine allerbeste Freundin sehr geschickt gemacht. Erst hat sie davon geschwärmt, dann hat sie davon geschwärmt, wie sehr alle anderen davon geschwärmt haben und dann auf dem Höhepunkt meiner Euphorie hat sie zugeschlagen. Welcher männliche Single kann zwei grünen Augen etwas abschlagen? Den möchte ich mal erleben. Erleben ist das richtige Stichwort. Erleben könnte ich was, wenn ich die Tür öffnen würde. Davor steht genau in diesem Moment mein Vermieter, hämmert dagegen und schreit. Steht und hämmert und schreit. Als ob es was nützen würde. Ich habe schließlich keine Zeit und muss dieses Chili hier zu Ende kochen. Gerade habe ich die Zwiebel-Würfel in eine Mischung aus einem 1996´er Gran Reserva und scharfem Paprikapulver eingelegt. Ich könnte eigentlich die Musik etwas leiser machen, dann hätte ich wenigstens die Chance zu verstehen, was mein Vermieter überhaupt gegen die Tür schreit. Aber Strawinsky wirkt leise nicht so. Und Chili kochen ohne Strawinsky kommt nicht in Frage.

Knoblauch zu würfeln ist nicht ganz so einfach. Zu mindestens dann nicht, wenn die Würfel klein sein sollen. Ich schätze aber, dass es später niemanden interessieren wird und erlaube mir, etwas zu schlampen. Wie aufs Stichwort und zur perfekten Überleitung und zu allem Überfluss klingelt jetzt auch noch das Telefon. Freitagabend ist immer ihre Zeit. Da weiß meine Exfrau, dass ich zuhause bin. Das scheint sich rumgesprochen zu haben oder warum steht der Vermieter genau heute vor der Tür. Meine Exfrau gibt nicht auf. Aber das gibt mir den Einsatz. Ich muss die tote Kuh aus dem Kühlschrank holen. Ein Kilo Rinderhack kostete heute nur 2,99€. Ob das wohl eine glückliche Kuh war? Bei dem Preis eher nicht. Aber das wird die Gäste meiner allerbesten Freundin wohl nicht interessieren.

Während ich den Kreuzkümmel mit den restlichen Zwiebeln (wenn ich bei Rezepten etwas hasse, dann sind es Angaben zu restlichen Sachen. Man hat nämlich niemals einen Rest, denn vorher stand ja „geben sie die Zwiebeln in die Pfanne und rühren sie …“ und drei Zeilen später kommen dann die restlichen Zwiebeln. Aber für mein Chili brauche ich kein Rezept. Das kann ich.) und dem Knoblauch mische, tritt Stravinskys Feuervogel in eine leise Phase ein. Mein Vermieter trommelt jetzt entweder noch lauter gegen die Tür oder ich bin etwas empfindlich geworden. Das kann auch vom Reserva kommen. Ein Glas für die Zwiebeln – ein Glas für mich. Das schärft die Wahrnehmung. Das Telefon fängt wieder an zu klingeln und ich salze und pfeffere ordentlich das Fleisch. Noch während ich das Ganze gut und kraftvoll durchknete fällt eine Entscheidung. Eigentlich sind es zwei Entscheidungen. Die erste betrifft die Gäste meiner besten Freundin. Sie werden übermorgen kräftig leiden. Just in dem Moment, in dem das Chili am Folgetag wieder das Licht der Welt erblickt, werden sie bereuen, dass sie existieren. Für die Umsetzung dieser Entscheidung häcksle ich zwei der frischen Chili-Schoten mit samt ihrem Innenleben und gebe sie unter das Fleisch. Rest des Textes lesen »

Meine angeheiratete Verwandtschaft betreibt eine Bäckerei in einem kleinen Dorf in Norddeutschland. Dort gibt es auch Schweine. In diesem Dorf, nicht in der Bäckerei. Und in diesem Dorf sagt man Bäckerschwein zu einem Schwein, dass die Reste vom Bäcker kriegt. Und Bäckerschwein ist kein nettes Wort. Selbst in dem kleinen Dorf in Norddeutschland nicht. Ich habe heute auch eins getroffen. Kein Dorf, sondern ein Bäckerschwein. Allerdings konnte dieses Exemplar auf zwei Pfoten stehen und verkaufte Backwaren beim ‚Wiener Feinbäcker’ am Alexanderplatz.

Manchmal ist mir morgens nach süßen Backwaren. Und manchmal gebe ich dieser Lust nach. Je nach Laune wird es dann entweder ein 1,10 Euro Streusseltaler der Weltfirma KAMPS oder eine 99 Cent Johannisbeerschnecke des WIENER FEINBÄCKERS. Manchmal ist das Zueinanderpassen der vorhandenen Barschaft im Portemonnaie und dem Wunsch nach Backwaren kompliziert. Bäcker nehmen nunmal keine AMEX oder DINERS CLUB. Nur Bares ist wahres. Wenn der Wunsch nach Backware nicht unterdrückbar ist – und das ist er meistens nicht –, muss ich einen Umweg über den EC-Automat machen. Dankenswerter Weise erlaubt mir meine Bank an jedem EC Automaten Geld abzuheben, ohne dass ich extra Gebühren berappen muss und so verfüge ich über umfangreiche Erfahrungen mit den Automaten der verschiedenen Geldinstitute. Praktisch finde ich solche, die auch 5-Euro-Scheine herausgeben. Das freut dann auch den Bäcker. Weil das mit dem Wechselgeld dann einfacher ist. Irgendwie haben die sich manchmal komisch, wenn man mit einem 50er eine 99 Cent Schnecke bezahlen möchte. Aber solche Probleme hatte ich heute gar nicht.

Genügend Kleingeld war dabei, also schwenkte ich beim WIENER FEINBÄCKER ein und bestellte höflich eine Johannisbeerschnecke. Beim Durchzählen des reichlichen Kleingeldes stellte sich allerdings heraus, dass es nur 96 Cent waren. Es fehlten also 3 Cent. Nun, so tragisch war das ja auch nicht, hatte ich doch noch einen 10 Euro Schein. Noch während ich den Schein auf den Verkaufstresen legte, blökte mir der Bäckereifachverkäufer ein „Jehts nich ooch kleener?“ entgegen.

„Doch, aber in Klein werdens nur 96 Cent.“, war meine Antwort . Nicht ganz ohne Hoffnung auf einen großzügigen 3-Cent-Rabatt.

„Na ditte reicht dann abba nich.“, zerstörte der Kerl meinen Schnäppchen-Traum.

„Dann habe ich nur den Zehner.“, und ich sagte das wirklich freundlich. So gut es eben um kurz nach acht Uhr und vor dem Kaffe und vor der Schnecke geht.

„Hehnm.!“, oder so ähnlich sagte er darauf hin, nahm den Zehner und friemelte umständlich an seiner Kasse herum.

Das Bäckerschwein gab mir doch tatsächlich 3 Ein-Euro Münzen, 6 Fünfzig-Cent Stücke, 5 Zwanzig-Cent Stücke, 10 Zehn-Cent Stücke, 19 Fünf-Cent Münzen und 6 Ein-Cent Stücke zurück. Oder so ähnlich. Jedenfalls hatte ich neben einer Schnecke nun auch zwei Hand voll Münzgeld.

„Jeht leida nich aners.“, sagte er und schaute mich ausdruckslos an.

Wenn ich in diesem Moment schon gesehen hätte, dass er die Schnecke nicht in der praktischen Ich-Kann-Unterwegs-Schon-Mal-Abbeißen-Tüte verpackt hatte, sondern wie ein Kuchenstück eingeschlagen und dabei die Johannisbeeren platt gedrückt hatte … Es wäre ein Unglück geschehen.

Morgens bin ich manchmal so.

 

 Ein paar Tage später…

Bäckerschwein reloaded.

Dem würde ich es aber zeigen. Ha! Rache ist Blutwurst Plunderstück. Dieser Freitag würde als Tag des Ausgleichs in die olli-Historie eingehen.

Ich würde wieder zum Wiener Feinbäcker gehen und eine Johannisbeerschnecke kaufen. Nicht weil ich wirklich ununterdrückbare Lust auf Backware hätte, sondern nur, weil das Portemonnaie voller Kleingeld klimperte. Und wenn ich sage ‚klimperte’, dann meine ich auch ‚klimperte’.

Noch während ich im Gesindelcontainer der Linie 8 meinen düsteren Plan schmiedete, freute ich mich schon auf das dumme Gesicht von Bäckermeister Schwein. In meiner Jackentasche lagen 16 5-Cent Münzen und ein 20 Cent Stück. Es war natürlich nicht so, dass ich die extra nur für diese Gelegenheit gesammelt hätte. Nein. Ehrlich. Das hat sich einfach so ergeben. Guuut - Es hätte sicherlich hier und dort bereits vorher eine Gelegenheit gegeben die Münzen auszugeben. Aber so irgendwie… habe ich wohl nicht daran gedacht.

So kam es also, dass ich die Hand voller Kleingeld den Bäckerladen betrat. Und tatsächlich: MEIN Kleingeldbäcker stand dort und verkaufte einem anderen Kunden diverse Brötchen. So viele Brötchen musste ich früher auch immer kaufen. Aber da war ich Praktikant und wurde geschickt. Ok. Genau genommen, muss ich heute auch immer so viele Brötchen kaufen. Aber heute bin ich Vater und darf bestimmen, welche Brötchen. Ok. Genau genommen, sagt meine Frau, welche Brötchen die Kinder wollen. Aber ich schweife ab.

Jedenfalls war ich dann an der Reihe. Und war verwirrt. Die hatten den Laden umbenannt. Oder mir war es vorher nie aufgefallen. Da stand ‚Sächsischer Feinbäcker’. Nur Mr. Dumpfbäcker hatte auf seinem Shirt ‚WIENER Feinbäcker’ stehen. Leider war ich zu verwirrt, um es mir erklären zu lassen. Wobei, klar… Das hat sicher marketing-technische Gründe. Welche normale Mensch kauft schon beim Sächsischen Feinbäcker, wenn er für das gleiche Geld auch beim Wiener Feinbäcker kaufen kann. Es war nur seltsam, dass mir das vorher nie aufgefallen ist. Aber ich musste mich ja auf meinen Plan konzentrieren. Ablenkungen durfte ich nicht zulassen. Und jetzt war es soweit. Der Kerl schaute mich auffordernd an. Für diesen Blick wird man in bestimmten Berliner Gegenden verhauen. Aber das war mir egal. Für mich zählte in diesem Moment nur die bevorstehende Befriedigung meine abgrundtiefsten Rachegefühle.

“Eine Johannisbeerschnecke. In der Tüte. Nicht eingeschlagen”, sagte ich, nicht ohne den Versuch es ein wenig nach Martini und Bond klingen zu lassen.
“Mhmmmmh.”, kam als Antwort. Na warte Bürschlein. Gleich kommt mein Auftritt.
“Dit macht 99 Cent, bitte.” Oh. Es hat “bitte” gesagt… und es sprach gleich weiter:
“Se hättn nich vielleicht zufällej n paar 5 Cent Stücke? Ick hab heut morjen so jut wie keen Kleenjeld.”

WAS hatte er da gesagt? Ich weiß nicht mehr, wie lange ich ihn angeschaut habe. Gefühlt waren es 10 Minuten. Dann legte ich wortlos mein bereitgehaltenes Kleingeld auf den Tresen, sagte artig ‚Danke’, als er mir die Schnecke aushändigte und trollte mich.

Morgens geht’s mir manchmal so.

 

Ich steige in die U-Bahn. Wie jeden Morgen im Bahnhof Nervenklinik. Dabei bringt mich die Bahn doch erst genau da hin. Schon etwas wirr, wenn Start und Ziel den gleichen Namen haben. Wobei ich das Ziel lediglich Nervenklinik nenne. Der Start ist es in der Tat. Das vertreibt die Verwirrungen.Montags ist es im Berliner Nahverkehr immer besonders voll. Sowohl die Straßen, als auch die Bahnen. Busse vielleicht auch. Aber mit Bussen fahre ich nicht. Jedenfalls nicht, wenn ich es vermeiden kann. Und auf meinem Arbeitsweg kann ich es vermeiden. Nicht vermeiden kann ich leider die anderen Menschen in der Bahn. Manchmal würde ich mir das aber doch wünschen. Heute zum Beispiel.

Neben mir sitzt eine 45 jährige Frau. Vielleicht auch 40. Dann aber Mutter von mindestens zwei Kindern. Sie hat ein Taschenbuch dabei. Irgendein schwarzes Taschenbuch, bei dem der Verlags-Vertrieb sich genötigt fühlte einen ‚Bestseller’-Aufkleber auf das Cover zu kleben. Für mich sind diese Aufkleber ja schon aus Prinzip ein ‚No-Buy!’ Zeichen. Für meine Sitznachbarin offenbar nicht. Dafür hat sie das Buch in einem Gefrierbeutel transportiert. Vielleicht damit das wertvolle Cover nicht zerkratzt. Vielleicht möchte sie das Buch später noch bei ebay versteigern. Was weiß ich denn. Noch während sie das Buch aus dem Gefrierbrand-Schutz herausfrickelt, greift sie plötzlich hektisch in ihre Handtasche und holt eine Packung ‚SPURT’-Taschentücher heraus. Gerade rechtzeitig holt sie ein Taschentuch hervor. Das Entfalten schafft sie nicht mehr. Es folgt ein herzhaftes und sehr saftiges Niesen. Das schmale Taschentuch verhindert eine größere Sauerei.

Ich drehe mich profilaktisch in die andere Richtung und halte schützend eine Hand vor Mund und Nase. Aber unauffällig. Auf der anderen Seite sitzt eine junge Frau, die mit atemberaubender Geschwindigkeit ihren Daumen über ihrem Handy kreisen lässt. Ich schätze, sie schreibt SMSs. Aber vielleicht macht sie auch nur eine Bewegungstherapie. Es vergehen drei Sekunden (und schätzungsweise 20 Wörter) bis sie niest. Ich kann erst gar nicht begreifen, was da vor sich geht, bis mir klar wird: Sie niest nach innen. Das passiert wohl immer dann, wenn jemand versucht einen gewaltigen Nieser zu unterdrücken. Dabei weiß doch jeder, dass das nicht geht. Das ist eine Naturgewalt, die raus muss. So wie der erste Furz am Morgen. Die Frau versuchte es dennoch. Das Geräusch ist dem Schuss einer Pistole mit Schalldämpfer sehr ähnlich. Noch während des Geräuschs ruckt die ganze Frau einen Zentimeter nach hinten und prallt gegen die Sitzlehne. Die Anspannung, mit der sie ihren Körper an weiteren unkontrollierten Bewegungen hindern will, lässt ihr Gesicht rot anlaufen. Mit hochrotem Kopf friemelt sie ein Taschentuch aus ihrer Jacke und stellt einen neuen Weltrekord im Leiseschnauben auf.

Ich schaue nun schnurstracks geradeaus. Die Hand noch immer unauffällig vor Nase und Mund. Mir gegenüber sitzt ein Mann ohne Haare und in grüner Bomberjacke mit der Aufschrift ‚US-Marine-Korps’. Er macht auf mich den Eindruck, als wenn ihm auch nicht aufgefallen wäre, wenn ein ‚ga’ in ‚Marine’ gewesen wäre. Warum kann ich gar nicht genau sagen. Er wirkt einfach so. Vielleicht liegt es daran, dass ich unsinnige Aufschriften auf Kleidungsstücken ablehne.

Seine Haare wirken eher ausgefallen, als rasiert. Insofern werfe ich ihm die Bomberjacke auch nicht vor. Noch während ich darüber nachdenke, ob es nicht schmerzt, mit derart breit gespreizten Beinen da zu sitzen, erfüllt ein lautes Niesen den Zug. Ein Fiepen legt sich auf meine Ohren und durch meinen verschwommenen Blick sehe ich den Kerl mit der Bomberjacke schmatzend in ein gelbes Stofftaschentuch schnäuzen. Ich hoffe inständig, dass der Stoff schon immer gelb war.

Ich stehe auf und stelle mich neben die Tür. Vis-à-vis steht ein junger Türke. Ok, Südeuropäer, vermutlich Türke. Meinetwegen auch ein Migrationshintergründiger. Geschätzte 13 Jahre alt. Er wirkt kränklich. Und er schaut mich böse an. Wahrscheinlich habe ich zuerst böse geguckt. Während er mir in die Augen starrt, zieht er betont langsam den Inhalt seiner Nase erfolgreich hoch. Es folgt eine Schluckbewegung seines Adamapfels. Angewidert versuche ich mir einzureden, dass er gerade kein Kilogramm Rotze heruntergeschluckt hat. Andererseits bin ich auch verdammt froh, dass er es mir nicht vor die Füße gespuckt hat.

Verzweifelt drehe ich den Ipod lauter und halte die Luft bis zur nächsten Haltestelle an. Sind ja nur zwei Minuten. Das kann ja nicht so schwer sein. Perlentaucher müsste man sein. Die können richtig lange die Luft anhalten.

Das wäre an einem Montag in der Berliner U-Bahn durchaus von Vorteil.

Wann waren Sie das letzte Mal schwedische Möbel einkaufen? Wenn Sie eine Frau sind und Kinder haben, ist das sicherlich noch nicht allzu lange her. Sie müssen mir verzeihen, aber ich schreibe natürlich aus der Sicht eines Ehemannes und Vaters von drei Kindern. Mir erscheinen diese Einkäufe im schwedischen Möbelhaus häufig in einem etwas anderen Licht. Es könnte daran liegen, dass unsere Kinder alle am gleichen Tag zur Welt gekommen sind (also Drillinge sind), es könnte aber auch einfach daran liegen, dass ich ein Mann bin.

Zu diesen Einkäufen gibt es in der Regel immer eine recht harmlose Vorgeschichte, die immer damit beginnt, dass meine Frau mit einem Zollstock bewaffnet in der Wohnung anfängt alle möglichen Nischen zu vermessen. Diese Maße werden dann mit denen der tollen Angebote im Möbel-Katalog verglichen. Spätestens an dieser Stelle, sollten bei Männern alle Alarm-Sirenen anfangen zu heulen. Sie haben nicht verstanden, wie ich das meine? Nun gut. Ich werde versuchen einen typischen Familien-Einkauf bei Ihrem schwedischen Lieblings-Möbel-Geschäft zu beschreiben und dann können Sie (je nach Geschlecht) selbst entscheiden, ob Sie mir folgen können (dann sind Sie wohl ein Mann), oder nicht (dann sind Sie wahrscheinlich eine Frau).

Es ist also wieder einmal so weit und wir fahren zum schwedischen Möbelhaus unserer Wahl. Das bedeutet erst einmal gute 45 Minuten Autofahrt. Schön, dass die Kinder so gerne Autofahren und froher Stimmung sind. Im Parkhaus angekommen wird dann der Kinderwagen ausgepackt. Unseren 1,06 Meter breiten Drillings-Kinderwagen haben wir vorsorglich zu Hause gelassen und stattdessen den Geschwisterwagen eingepackt. Wir wollen ja nicht zu sehr auffallen. Obwohl ich schon gespannt wäre, auf die potentielle Hilfsbereitschaft des Personals, wenn man irgendwo in einem solch familienfreundlichen Kaufhaus mit dem Kinderwagen nicht hindurch kommt. In unserem Geschwisterwagen können zwei Kindern hintereinander sitzen und eines oben auf dem Regenverdeck. Bei uns sitzen die beiden Jungs unten und meine Tochter oben drauf. So fühlen sie sich wohl und machen eigentlich auch längere Touren mit. Dummerweise können sie mittlerweile recht gut laufen und bestehen hier und dort auch darauf. Erstaunlicher Weise bleiben alle drei auch nach zehn Minuten noch ruhig im Wagen und bewundern die vielen Menschen um sie herum. Die vielen Menschen starren zurück und eine ältere Frau setzt zur unvermeidlichsten aller Fragen an: „Die sind aber auch nicht weit auseinander, oder?“ Als Drillingsvater habe ich mittlerweile wohl alle Fragemöglichkeiten dieser Art gehört und habe auf jede Frage mindestens drei Antworten parat. Eine freundliche, ein lustige und eine vernichtend pampige. Aber die Fahrt hierher hat gut geklappt und die Kinder sind ruhig, also entscheide ich mich für ein freundliches „Nö, zweieinhalb Minuten.“, was immerhin ein verdutztes Gesicht bei der älteren Dame hervorruft. Da die Kinder immer noch ruhig sind, steigt bei mir die frohe Erwartung, dass dieser Einkauf völlig anders wird. Welch trügerische Hoffnung. Bereits eine Minute später, noch bevor wir die Eingangstür passiert haben, besteht mein Sohn Martin darauf zu laufen. Ich beruhige ihn mit einem sanften „Nein.“ und vertröste ihn auf später. Allerdings mit bescheidenem Erfolg. Nur wenige Sekunden vergehen, bis er sehr lautstark darauf besteht, alleine zu laufen. Ich bescheide diese Forderung erneut negativ, woraufhin sich mein Sohn daran macht, alleine aus dem Kinderwagen zu klettern. Abgesehen von der Unverfrorenheit des Missachtens väterlicher Anordnungen, droht damit das Gleichgewicht des Kinderwagens in Gefahr zu geraten. Mit einer zackigen, geübten Handbewegung rette ich die Situation und Martin lernt unter dem bitterbösen, väterlichen Blick, dass der Anschnallmechanismus vom Kinderwagen noch funktioniert, zieht beleidigt einen Flunsch und schaut mich nicht mehr an.

Traditionell geht unser erster Weg im Möbelhaus nicht in die Verkaufsausstellung, sondern zum schwedischen Lebensmittelkiosk. Hier gibt es Kekse für alle. Es hat sich als praktisch erwiesen, beim Einkaufen immer genügend Kekse vorrätig zu haben. Martin schaut immer noch böse - nimmt aber dennoch gerne den einen oder anderen Keks. Die Investition in schwedisches Gebäck hat sich ausgezahlt und da wir genau wissen, was wir wollen, können wir uns direkt am “IchMöchteDiesenSchrankGerneMitnehmenUndJetztDruckMirSchonEndlichDiesenDummenZettel”-Schalter anstellen. Nachdem der Kerl vor uns endlich mit seinem Zettel von dannen gezogen ist, sind wir dran und mein erster Blick fällt auf das Dekolletee der Frau hinter dem Schalter. Nicht etwa wegen eines lohnenden Ausblicks, sondern weil da ein großes Schild prangt, auf dem fett „AZUBI“ steht. Meine Frau versucht ihr zu beschreiben, was sie möchte und das Azubi-Mädel tippt fleißig in den PC. Einige Minuten später tippt die Zetteldruckerin immer noch wilde Zeichenfolgen in den Rechner und ich fange an zu denken, dass das doch nicht so schwer sein kann. Die Kekse gehen zur Neige. Na macht ja nichts. Auf halbem Weg zur Kasse, kann man ja noch mal welche kaufen. Ich biete der Zetteldruckerin auch einen an, um positive Stimmung in diese verkorkste Beziehung zu bringen und sorge damit dafür, dass die Arme noch mal von vorne anfangen muss, weil sie sich vertippt hat. Von hinten schleicht sich währenddessen eine ältere Frau heran und fragt „Sind das etwa Drillinge?“. Ich beschließe, dass es jetzt an der Zeit für eine lustige Antwort sei und noch bevor ich etwas sagen kann, schiebt die ältere Dame ein „Wie geht denn SO was?“ hinterher. Tolle Vorlage. Mittlerweile schauen einige Miteinkäufer zu uns herüber und fangen an zu tuscheln. Ich streiche gedanklich die lustige Antwort, schaue ihr direkt in die Augen und verrate ihr „Wie das geht? Na, ganz einfach. Dreimal auf der Waschmaschine im Schleudergang bei Vollmond!“. Diese Antwort ist habe ich zwar bei einer befreundeten Drillingsmutter geklaut, aber sie verfehlt auch hier ihre Wirkung nicht und das Gespräch mit der älteren Dame ist beendet. Während ich mich umdrehe, stelle ich resignierend fest, dass die Zettel-Frau immer noch nach unserem Schrank sucht. Ich drohe sowohl meiner Frau, als auch der AZUBI mit dem Gang zum Baumarkt und dem Spanplattenkauf - das kann schließlich auch nicht mehr länger dauern. In diesem Moment schaut die Zetteldruckerin auf und verkündet, dass unser Schrank in der gewünschten Farbe gerade aus sei. Meine Frau sagt fast gleichzeitig, dass die Kekse jetzt alle seien. Einen Wimpernschlag später bekommen die Kinder mit, dass die Kekse zur Neige gegangen sind und die Zetteldruckerin stellt vorsorglich das “GESCHLOSSEN” Schild auf ihren Tisch und verduftet.

Wir machen uns rasant auf den Weg zum Keksneukauf. Ich entschuldige mich bei meinem Vormann mit dem schmerzenden Hacken. Was läuft er auch so trantütig. Und so stark kann ich ihn mit den Gummireifen vom Kinderwagen nun auch nicht wieder getroffen haben. Hinter der nächsten Biegung müssen wir eine kleine Zwangspause einlegen und ich repariere notdürftig die umgefahrene, weiß gebeizte Regal-Eck-Kombination. Ungefähr zeitgleich hat Martin den Entriegelungsmechanismus des Kinderwagens verstanden und macht einen erneuten Fluchtversuch. Mit schnellem Griff erhascht der geübte Papa seinen Sohnemann am Schlafittchen. Na ja – die Regal-Eck-Kombi war eh nicht mehr zu retten – denke ich noch, bevor sie durch das plötzliche loslassen meinerseits vollends in sich zusammenkracht. Dieser Unfall hat einen Verkäufer ohne „AZUBI“-Schild auf uns aufmerksam werden lassen. Während ich Söhnchen mittels seiner Schnürsenkel zusätzlich am Kinderwagen fixiere, um so für die nächsten Fluchtversuche zusätzliche Zeit zu gewinnen, fragt der Verkäufer ganz höflich, ob er uns irgendwie helfen könne und zeigt dabei unmissverständlich auf den Leistenhaufen, der mal ein Eckregal war. Ich erkenne die Chance und ordere bei ihm den Zettel für den Schrank, den wir eigentlich wollten. Der Verkäufer ist verwirrt und lässt sich überrumpeln. So kommen wir nun doch noch problemlos zu unserem Abholschein

Mittlerweile sind wir von der Möbelabteilung in den gefährlichen Bereich gekommen. Die Accessoires. Meine Frau schnappt sich eine von diesen praktischen Umhängetüten und verbringt die nächsten zwanzig Minuten damit, diverse brauchbare Kleinigkeiten in die Tüte zu verfrachten. Jetzt haben wir schon ungefähr eine Stunde hier verbracht und die Kinder sind nicht mehr zu halten. Es wird wohl für alle besser sein, sie aus dem Kinderwagen zu befreien. Vorher noch rasch wieder Martins Schnürsenkel vom Kinderwagen lösen. Jetzt kommt der gemütliche Teil des Einkaufes. Mit drei Kindern an den Händen und der „praktischen“ Umhängetüte im Kinderwagen durch die Gänge schieben und alle die Dinge in den Kinderwagen laden, die die Durchschnittsdrillingsfamilie so braucht. Als wenn das nicht schon genug Belastung für die männliche Psyche wäre, verkündet meine Frau urplötzlich: „Ach Du Schatz, ich habe noch was vergessen – bin gleich wieder da!“. Dieser Satz im schwedischen Möbelhaus zur besten Einkaufszeit mit drei Kindern, einer praktischen Umhängetüte und einem Kinderwagen mitten im Gang gesprochen, kann seine ganz eigene Dynamik entfalten. Während ich meiner Frau noch hinterher rufe, dass sie gefälligst hier bleiben soll, will Carola unbedingt zurück in den Kinderwagen. Ich beruhige sie mit einem „Das geht jetzt nicht, Maus“. Ich habe diesen Satz wirklich lieb gemeint und gesagt, doch ich komme danach nicht mal zum Luftholen. Carola schmeißt sich augenblicklich auf den Boden und schreit, als wenn ich sie an den Haaren hochgehoben hätte. Eine ältere Frau bleibt stehen und beäugt erst Carola und dann mich. Christopher deutet an, dass er jetzt gerne, unbedingt und sofort etwas zu trinken haben möchte. Den Rucksack mit der Flasche hat natürlich meine Frau. Er scheint zu ahnen, dass das mit dem Trinken kurzfristig nichts wird und bekommt kleine rote Flecken im Gesicht. Ein untrügerisches Zeichen, dass er binnen Sekundenfrist neben Carola auf dem Boden landen wird. Die ältere Dame fragt, was denn das Kind habe. „Eine verdammt kurze Lebenserwartung, wenn sie nicht sofort damit aufhört!“. Die ältere Dame bekommt die gleichen hektischen Flecken wie Christopher, der sich erstaunlicher Weise gefangen hat. Aus der zweiten Reihe höre ich etwas leiser ein „Ach, wenn Väter schon mal einkaufen gehen!“. Ich suche gerade nach einer Waffe für die Leisesprecherin, als mich sanft der Grund für Christophers wundersame Beruhigung um die Nase kitzelt. Natürlich. Und der Wickelraum ist am anderen Ende des Stockwerkes. Die ältere Dame geht leicht nach Luft ringend weiter. Währenddessen taucht meine Frau fast aus dem Nichts wieder auf und fragt „War was? Du siehst etwas mitgenommen aus!“. Irgendwie reagiert sie auf meine Frage, ob ihr denn noch ganz wohl sei, mich hier alleine stehen zu lassen für meine Begriffe etwas zu gereizt. Nachdem sie ihre unsachliche Antwort auf meine ernste Frage losgeworden ist, schaut sie sich suchend um und fragt mich, wo denn Carola sei. Ich deute lässig auf den etwas ausgebeulten Vorleger neben dem Krabbeltisch und meine Frau fragt, warum ich Carola das erlaubt habe. Kurze Pause. Innerlich denke ich mich mal wieder darüber nach, warum es in schwedischen Möbelhäusern noch keine niedergelassenen Scheidungsanwälte gibt, behalte meine Gedanken aber lieber für mich. Stattdessen antworte ich mit einer Gegenfrage. „Weißt Du, wo hier die Wickelräume sind?“. Christopher steht immer noch da flüstert leise „Kaka!“. Meine Frau weiß es und ich folge ihr samt Kinderwagen und den anderen Kindern durch die ganze Halle. Als wir den Wickelraum gefunden haben, erwartet uns die nächste Überraschung. Sind schwedische Frauen eigentlich typischer Weise größer als Deutsche? Wie kann man sonst erklären, dass meine 1,60m große Frau kaum über die Wickelkommode schauen kann? Windelwechsel auf Augen- und Nasenhöhe ist auch für sie eine ganz neue Erfahrung. Aber sie steht das eisern durch. Wir müssen ja noch schnell in die tolle SB Möbelhalle und ein paar Kleinigkeiten auf den Kinderwagen laden. Ich frage mich ernsthaft, was wir machen würden, wenn der Kinderwagen kleiner wäre und nicht Platz für drei Kinder böte. Noch während ich das denke gibt es ein bedenkliches Geräusch vorne links und ich verbringe die nächsten zehn Minuten damit, das Vorderrad vom Kinderwagen notdürftig zu reparieren. Tolle Qualität! Hällt nicht mal zwei Badezimmerschränke aus.

Endlich an der Kasse. Wird auch Zeit. Der Keksvorrat geht arg zur Neige und die Kinder schauen schon ganz nervös auf die fast leere Packung. Zehn Minuten später: Jetzt kommt wieder Stimmung auf. Nur noch zehn Leute vor uns und keine Kekse mehr. Die Dame die gerade an unserer Kasse bezahlen möchte, hat ihre EC-Geheimzahl vergessen und ist gerade beim dritten Versuch angekommen. Sie hat verdammtes Glück, dass der Kerl vor mir siebzehn laufende Meter Ivar kaufen will und ich nicht zu ihr durchkomme. Ich überlege, ob ich Chancen habe, sie von hier aus mit der praktischen Umhängetüte zu treffen, aber meine Frau schaut schon wieder so, dass ich mich dagegen entschließe. Die Dame schafft es schließlich dann doch die 11 Euro in bar zu bezahlen und ich greife nach der praktischen Umhängetüte. In diesem Moment fällt der Ivar Turm vor mir zusammen und erschlägt fast Christopher. Ich hole mit der zum Kauf anvisierten Pfanne „Brätlös“ (36cm – Gusseisen) weit aus und meine Frau bewahrt mich vor der Besserungsanstalt, indem sie mir in den Arm greift.
Weitere 15 Minuten später: Ohne größere Zwischenfälle erreichen wir die Kasse und laden all die tolle Dinge auf das Förderband. Martin will auch rauf. Ich lasse ihn – bin ja ein lieber Papa. Meine Frau nimmt ihn wieder runter – ist ja eine liebe Mama. Endlich dürfen wir bezahlen. Ich zucke bei 980 Euro fast unmerklich und lautlos zusammen. Wir haben doch nur — egal. Die Kekse sind schließlich alle und wir wollen nach Hause.

Als wir endlose Augenblicke später beim Auto ankommen liegt der Außenspiegel daneben. Egal. Wir haben noch Kekse im Auto. Die Kinder in die Sitze, Kekse verteilt und dann den Kram in den Kofferraum. Den Außenspiegel auch. Endlich losfahren. Anhalten. Den Kinderwagen auch ins Auto laden. Wir sind noch nicht mal aus dem Parkhaus raus und die Kinder sind eingeschlafen. Meine Frau schaut in den Rückspiegel und sagt, „Ach, war doch ein netter Einkauf heute!“. Der hinter uns hat sicherlich noch kurz gedacht, warum macht der Trottel jetzt einfach eine Vollbremsung…

03.12.1999

Gestern hat meine Frau einen Schwangerschaftstest gemacht. Er war positiv. Sie strahlte anschließend auch. Aber um nun ganz sicher zu gehen, zog sie es vor, morgen zu ihrer Ärztin zu gehen um eine Blutuntersuchung machen zu lassen.

Eigentlich kann es gar nicht anders sein. Seit Tagen begrüßt sie die Kloschüssel früher als mich und heult wenn ein Kandidat bei Glücksrad auf Bankrott dreht. Sollte man sich da nicht sicher sein?

Der Termin gleich morgens bei der Ärztin war wohl ganz positiv. Nein, natürlich hat sie noch kein Ergebnis mitbekommen, aber immerhin hat die Schwester ihr Blut abzapfen können und es irgendwohin geschickt, wo es untersucht wird. Das finde ich immer wieder faszinierend. Zack, Ampulle in Arm, Blut in Ampulle, Ampulle ins Päckchen, Päckchen zu Post und abends kann man anrufen und das Ergebnis bekommen.

Ich ging arbeiten. Was sollte ich auch zu hause rumsitzen und auf die freudige Botschaft warten? Endlich würde es soweit sein und ich könnte den Satz anbringen, auf den ich mich schon mein Leben lang freute. Sie (strahlend und mit feuchten Augen): Ich bin SCHWANGER! Ich (nüchtern und ernst): Von WEM?

Eigentlich sollte das auch nur der Ausgleich dafür sein, dass mir bei unserer Hochzeit in der Kirche bei Androhung der moralischen Höchststrafe verboten wurde nach der Stelle mit den schlechten Zeiten zu fragen. Dieses „Von Wem“ sollte also eigentlich eine Art Wiedergutmachung werden.

Auf der Fahrt nach Hause war ich dann doch etwas nervös. Zu Hause angekommen, strahlte mir meine Frau bereits entgegen. Das war mein Einsatz. Und dann sagt sie: Hi Daddy! Können Sie sich das vorstellen? Kein „Ich bin schwanger“ oder vielleicht noch „Ich kriege ein Kind!“. Nein! Einfach nur „Hi Daddy“!

Na gut, ich gebe zu, das die Freude schon überwog und ich relativ schnell über meinen verpassten Einsatz hinweggekommen bin. Aber irgendwie wurmte mich das doch. Sollte ich jetzt noch jemals die Chance haben, eine solch trockene Erwiderung anzubringen? Vielleicht bei der Taufe, aber eigentlich redet man da nicht so richtig viel bei. Jedenfalls nicht der Vater. Und das Kind in das Taufbecken fallen zu lassen … hmm sollte ich mir vielleicht aufschreiben, so als Notlösung. Nennen wir es einfach „Plan B“.

04.12.

Es ist schon irgendwie seltsam, wenn man am Tag zuvor erfahren hat, das man Vater wird und sich früh morgens ins Auto setzen und geschäftlich nach Lübeck fahren muss. Seltsame Kräfte fangen da an zu wirken. Plötzlich fährt man nur noch 180 und denkt: „Jetzt ist gut. Das reicht, ich bin jetzt vorsichtig…“ Ich meine, es ist ja nicht so, das ich nicht auch vorher an meinem Leben gehangen hab, aber diese plötzliche Verantwortung, nur weil meine Frau so ein 10-12 Zeller in sich trägt, ist schon merkwürdig …

05.12.

Ich nenne meine Frau jetzt nur noch „Nasi“. Sie ist derart geruchsempfindlich geworden, dass das schon beängstigend ist. Nur auf die Frage „Na? Wie läufts?“ reagiert sie etwas seltsam … Versteh ich nicht…

07.12.

Heute war meine Frau zur ersten Ultraschalluntersuchung. Und es war nichts zu sehen! Kann man ja vielleicht nach 5-6 Wochen auch noch nicht erwarten. Nun ist sie allerdings auf die Idee gekommen, das es sich wohl um eine Eileiterschwangerschaft handeln müsse und ist hormonell bedingt furchtbar theatralisch traurig. Das ist nicht einfach für einen Mann. Wie soll „Mann“ damit umgehen?

14.12.

Zweites Ultraschall. Nach endlosen Stunden des Wartens auf den Anruf kam dann endlich die Erlösung. Und das gleich Doppelt! Ein wunderschönes Ultraschallbild von unseren süßen Zwillingen.

15.12.

Meine Großmutter hat Geburtstag. Traditionell wird das seit Jahrzehnten mit einem breit angelegten Familienessen beim Kroaten an der Ecke gefeiert. Dieses Jahr gehen wir in ein zweigeschossiges Chinesisches Restaurant mit goldverzierten Spiegeln und einem großen Zierfischmeerwasseraquarium am Eingang. Nun ja. Alte Leute werden manchmal seltsam.

Wir hielten es für eine tolle Idee, ihr eine eingerahmte Kopie des ersten Ultraschallbildes zu schenken und damit auch gleich den Rest der Familie über das bevorstehende Ereignis zu informieren. Schade nur, dass weder meine Oma, noch sonst irgendwer von den älteren Leuten am Tisch überhaupt eine Ahnung davon haben, was ein Ultraschallbild ist.

So recht will uns keiner glauben, dass es zwei sind. Mein Großvater mütterlicherseits begreift als erster und ordert Sekt. Wie gesagt, wir sind in einem zweigeschossigen Chinarestaurant! Dementsprechend sind meine Erwartungen ob der zu erwartenden Qualität des Sprudelweins.

Meine Frau hält tapfer durch, auch wenn so ganz langsam der Duft von frittiertem Geflügel anfängt ihre sensiblen Geruchsnerven zu drangsalieren. Der Sekt (und ich habe nie wieder etwas ähnliches gefunden, was den Namen „Sekt“ verdient hätte…) wird von drei Kellnern gebracht und genau das ist doch ein guter Moment für meine Frau in Ohnmacht zu fallen. Bumm. Ok – das ist vielleicht doch alles etwas heftig. Nachdem sie dann relativ zeitnah wieder zu sich gekommen ist, beschließen wir, doch eher nach Hause zu fahren. Da liegt Teppich und es fällt sich einfach besser. Der Versuch, meiner Mutter noch zuzuraunen, sie solle mir doch bitte Ente Cross mit scharfem Gemüse und Knoblauch einpacken lassen und nachher vorbeibringen, wird bereits im Ansatz erfolgreich von meiner Frau unterbunden.

17.12.

Mittlerweile ist meiner Frau eigentlich rund um die Uhr schlecht. Das äußert sich zuweilen auch in Missfallensäußerungen mir gegenüber. Der Kamillentee ist zum Grundnahrungsmittel geworden und wir hatten erste Berührungspunkte in Sachen Namensgebung. Nicht das wir den Gleichen vorgeschlagen hätten, vielmehr haben wir mal drüber gesprochen und haben einen wichtigen Schritt in Richtung Problemlösung getan. Wir sind uns grundsätzlich darüber einig, dass die Kinder Namen bekommen müssen.

19.12.

Heute hat meine Frau zum ersten Mal von „unseren Kindern“ gesprochen. Ich hätte eigentlich vermutet, dass es länger dauern würde. Das mit der ständigen Übelkeit schlägt auf unser Gesellschaftsleben nieder. Das ist vielleicht eine gute Gelegenheit schon mal für später zu üben, aber Weggehen ist nicht. Zur Zeit, sagt sie. Wir werden sehen. In irgend einem Buch hat sie gelesen, dass wenn man seinem Mann erklären möchte, wie es einem geht, man ihn an seine schlimmste Magen-Darm Grippe erinnern solle. Meine Frau hat das viel pragmatischer ausgedrückt. Sie sagt, sie fühlt sich, als ob ihr Kopf in einem Eimer mit Sch***** steckt. Das ist dann auch für einen Mann ausgesprochen verständlich ausgedrückt.

20.12.

Unser Kamillenvorrat neigt sich dem Ende zu. Ich hoffe nur, dass nicht irgendwann die Preise dafür steigen. Unsere neue Tea-Time beginnt jetzt immer um 4.30 morgens. Angeblich beruhigt dieses Zeug wirklich. Ich habe ernsthafte Probleme mit diesem Geruch, betrachte es aber als Härtetraining für eventuell nicht vermeidbare Wickelaktionen zu ähnlichen Uhrzeiten.

21.12. Dienstag

Es ist nachts sehr kalt auf dem Balkon und die Wohnzimmercouch ist vergleichsweise hart. Das die Knoblauchcremesuppe beim Weihnachtsessen unserer Firma sehr gut gemundet hat, ist da nur ein geringer Trost. An die Geruchsempfindlichkeit meiner Frau habe ich erst wieder gedacht, als sie aus dem Bett aufsprang, um zur Toilette zu rennen. Als fürsorglicher werdender Vater habe ich mich bereitwillig überreden lassen, das gemeinsame Ehebett wieder zu verlassen – was hat man einem Argument wie „Wenn du nicht sofort verschwindest, kotze ich ins Bett!“ auch entgegenzusetzen?

Mittwoch, 22.12.

Ich bin direkt aus dem Büro in den Großmarkt gefahren. Kamillentee besorgen. Es kommen schließlich einige Feiertage mit geschlossenen Supermärkten auf uns zu. So richtig viel billiger ist der Tee hier allerdings auch nicht. Ich mache mir eine Notiz, dass ich, wenn die Kinder aus dem gröbsten raus sind, groß ins Kamillengeschäft einsteigen werde.

Donnerstag, 23.12.

Die Feiertage stehen an und wir statten der Frauenärztin noch einen Besuch ab. Bis auf die Übelkeit gibt es zwar nichts besonderes, aber sicher ist sicher. Da ich heute bereits Urlaub habe, finde ich die Idee ganz gut, einfach mal dahin mit zu gehen.

Toll. Das ist der erste Arzt, bei dem es keine Autobild zum lesen gibt. Dafür erfahre ich eine Menge wichtige Neuigkeiten über Königin Luisa und ihre Tochter Janice, die beim Golfen einen reichen amerikanischen Sohn kennen gelernt hat und jetzt bei ihrem Volk in Ungnade zu fallen droht. Gerade als ich mich in die Brigitte Ananassdiät vertiefe und die Vorstellung amüsant finde, wie man eine Annanas mit fettarmen Rinderhack füllt und sich dazu einen großen Schluck Molke gönnt, wurden wir aufgerufen. Die folgenden 15 Minuten werde ich wohl mein Leben lang nicht vergessen. Ich gebe zu, dass dies mein erster Besuch einer Gynäkologischen Praxis war. Sicher – ich habe viel gehört, bei Emergency Room gesehen und in „Dr. Stefan Frank“ geahnt, aber live wirkt das Ganze dann doch etwas anders.

Die Ärztin muss von meiner Schmach mit dem „Von wem?“ gewusst oder geahnt haben und begrüßte mich mit einem „Ach? Sie sind der Vater?“. Noch während ich mir überlege, ob diese Frau wohl der Typ Mensch ist, der Ananas mit Rinderhack füllt, huscht ein wissend überlegendes Lächeln über mein Gesicht. „Naja. Meine Frau behauptet das jedenfalls!“. Zack! Der Ellenbogen meiner Frau trifft auf meine unterste Rippe, die ich mir seinerzeit mal übel gebrochen habe. Ich glaube, dass war beim Extrem-Rafting. Allerdings zu spät, denn meine Worte habe ihre Wirkung nicht verfehlt und die Ärztin schaut leicht irritiert zwischen uns hin und her. Mit Blick auf mein leicht schmerzverzogenes Gesicht und als Reaktion auf meinen wirklich gut unterdrückten Schmerzensschrei, legt meine Frau noch eins nach „Und wenn du jetzt als Entschuldigung wieder mit diesem Rafting Quatsch, den dir bei deiner Figur eh keiner glaubt, anfängst, ist was los…!“. Das war jetzt nahe an der Gürtellinie und meiner Meinung nach hört sich Rafting doch besser an als „Firma, Weihnachtsfeier, Bier und Treppengeländer…“. Ich mache mir noch rasch eine gedankliche Notiz, auf die Geschichte mit der Figur bei passender Gelegenheit zurückzukommen und stelle mir meine Frau mit 100cm Bauchumfang vor. Gerade als das Schmunzeln sich auf meinen Lippen zu einem ausgewachsenen Lächeln ausbreiten wollte, unterbrach mich die Ananasesserin von Ärztin mit dem Vorschlag, dass man ja jetzt mit der Untersuchung beginnen könne.

Ich habe ja keine Ahnung, ob das immer so ist, aber die Idee, sich ganz schamvoll und heimlich hinter so einer spanischen Wand auszuziehen, um sich dann anschließend mit weit gespreizten Beinen auf so einem Stuhl wiederzufinden, finde ich schon seltsam. Zumal weder Frau Doktor noch ich irgendetwas entdecken könnten, dass wir zum ersten Mal sehen würden – aber egal, das gehört anscheinend zum Ritual von Frauenarztbesuchen.

Als technisch interessierter Mann war ich natürlich recht angetan von all den Geräten und Sachen die da so stehen. Was diese Ärztin dann allerdings tat, überraschte mich dann doch. Sie nahm etwas in die Hand, was ich das letzt Mal unter der Bezeichnung „Stutenglück“ im Beate Uhse Katalog gesehen habe – und zog so etwas wie ein Kondom darüber. Mein Zahnarzt faselt während der Behandlung immer und beschreibt stetig jeden Schritt, den er als nächstes vorhat. Gelegentlich sogar genauer, als ich es eigentlich gerne hätte. In diesem Moment hätte ich mir doch zu mindestens etwas ähnliches gewünscht. Nachdem dann einige Sekunden später ein Ultraschallbild auf einem Monitor erschien, fing ich an zu verstehen. „Aha. Hm. Ja. Ach, da ist ja das erste und hier – ja – hier ist dann auch das zweite. Wunderbar.“ Dann war ja wohl alles gut. Mehr konnte man ja zu solch einem frühen Zeitpunkt auch nicht sagen. Ich entspannte mich gerade etwas auf meinem Besucherhocker – schließlich hatte ich gerade meine Söhne (NATÜRLICH werden das Jungs), das erste Mal gesehen. Irgendwie war die Ärztin aber noch nicht wirklich zufrieden. Sie ultraschallte noch immer vor sich hin und murmelte so Dinge wie „Hmm. Seltsam. Das hier ist – und das hier – dann ist das wohl, Nein, das ist ja hier…“. Dann nahm sie noch ein anderes Geräte zur Hilfe um dann nach einiger Zeit zu verkünden „Tja. Da ist dann wohl noch ein drittes.“

Drei? Wie drei? Das geht nicht. Das gibt’s nicht. Och nö, also. Warum? Wie jetzt? … hätte ich vielleicht sagen sollen. Aber ich beließ es bei einem „Ach?“. Es ist erstaunlich, an wie viele Dinge man gleichzeitig denken kann. Da war zum einen der Gedanke „Toll. Bei jedem Arztbesuch wird das ein Kind mehr – Hier gehen wir nicht mehr hin!!“ und zum anderen der Sportwagen mit dem dicken roten Strich durch und viele andere Dinge mehr. Wenn ich genau überlege, war da allerdings auch irgendwie überhaupt nichts. Wie wir letztendlich nach Hause gekommen sind, weiß ich nicht mehr. Aber irgendwie haben wir die Nachricht ganz locker aufgenommen. Wir hatten uns mit zweien gedanklich angefreundet, dann macht eins mehr ja wohl nicht mehr so viel aus.

Freitag, 24.12. Heiligabend

Heiligabend ist wieder so ein traditioneller Familienanlass, weder beim Kroaten noch beim Chinesen, sonder vielmehr bei meinen Eltern zuhause. Jetzt, wo alle verstanden haben, was ein Ultraschallbild ist und wie man darauf etwas erkennt, wagen wir es und verschenken erneut gerahmte Ultraschallbildkopien – diesmal mit drei Kindern. Das Essen haben wir diesmal dank der anhaltenden Übelkeit meiner Frau übersprungen – allein das Wort Kartoffelsalat… , aber ich überspringe die Details.

Meine Eltern verstehen sich wirklich gut darauf, Menschen zu motivieren. Man hätte annehmen können, dass sie drei Kinder bekommen und nicht wir. Sie verbreiteten anhaltend Panik, wie um alles in der Welt wir es denn bewerkstelligen wollten, DREI (3 in Worten DREI) Kinder zu bekommen und dann auch noch zu verpflegen. So ein harmonisches Weihnachtsfest hat doch was.

Natürlich dachten wir auch darüber nach, wie das alles werden sollte. In unserer 42qm Wohnung dürfte es wohl schwer werden, ausreichend Platz für drei Kinder zu schaffen. Was die anstehenden neuen Aufgaben anging, wollten wir uns glaube ich gar nicht so recht vorstellen, was da auf uns zukam. Warum sollte man sich schon vorher verrückt machen, wenn man eh nichts daran ändern könnte.

Samstag. 25.12. Erster Weihnachtsfeiertag

Gänsebraten fällt dieses Jahr wohl aus. Obwohl – wenn man ihn vielleicht mit Kamille füllen würde… Dafür wird dieses Weihnachten neben dem Gänsebraten auch die nachfolgende Jammerei über die zugelegten Kilos ausfallen. Wenn ich das für mich abwäge – Lecker Gänsebraten gegen einen ruhigen Jahresanfang; ich denke, satt kann ich eine Menge ertragen. Im übrigen ist ja auch so, dass unsere Nachbarn nun so überhaupt keine Rücksicht auf den Zustand meiner Frau nehmen und sehr wohl Federvieh füllen und backen.

Es gab bei uns selten so sehr ruhige Feiertage. Normalerweise herrschte eine ewige hin- und her Fahrerei zwischen den Eltern und Geflügelbraten jeglicher Art und Kaffee und Kuchen. Meine Frau war sowieso zu wenig zu gebrauchen und den Tankstellenvorrat an Kamillentee hatte ich bereits geplündert. Mit anderen Worten – ich hatte nicht wirklich etwas zu tun und kam zum ersten Mal nach den ganzen Aufregungen der letzten Tage etwas zur Ruhe.

Unser Leben würde sich wohl enorm verändern. Ich schaute mich in unserer 42qm Wohnung um und musste zugeben, dass es wohl unwahrscheinlich sei, dass wir hier noch allzu lange wohnen würden. Wir hatten schon einige Male darüber gesprochen, das Haus meiner Schwiegereltern umzubauen und zu vergrößern und es gab auch eine Art Zeitplan dafür. Doch der sah doch etwas anders aus, als die acht Monate, die uns im Idealfall jetzt noch blieben. Gleich nach den Feiertagen sollte ich einen Architekten mal mit einer Art Machbarkeitsstudie beauftragen, denn eine Zwischenlösung würde nur unnötig Geld kosten und für die erste Zeit könnten wir auch in diesen 1½ Zimmern auskommen. Apropos auskommen – was kostet eigentlich eine Packung Windeln? Und wie viel braucht man davon wohl pro Tag und Kind? Gibt es eigentlich Drillingskinderwagen? Und sollte es Drillingskinderwagen tatsächlich geben, in welches Auto passt ein solcher dann? Wie hoch ist eigentlich das Kindergeld?

Sonntag, 26.12.1999 Zweiter Weihnachtsfeiertag

Aufgewärmte Gans riecht auch. Die Nachbarn sind aber auch so was von ahnungslos. Eine Zumutung ist das. Meine Frau verspricht mir, dass sie die 20 Minuten Fahrtweg zu ihren Eltern ohne Spuckattacke überstehen kann und wir beschließen dort hin zu flüchten. Einerseits können wir dann schon mal etwas über den Umbau nachdenken und meine Frau kommt mal wieder aus dem Haus. Schnell noch die Thermoskanne mit dem Grundnahrungsmittel Kamillentee befüllen und dann kann die Reise losgehen.

Zwölf Kilometer Autofahrt mit einer Schwangeren als Beifahrer sind eine vollkommen neue Erfahrung. Als erstes ist das Citrus-Hängebäumchen am Rückspiegel rausgeflogen, noch bevor ich losfahren konnte. Das würde riechen. Ach? Und was macht Kamillentee? Aber ich bin ja ein friedliebender Mann und mache was meine Frau wünscht. Unser alter Opel hat die dumme Angewohnheit, dass bei Kälte die Scheiben extrem beschlagen und man dem nur einigermaßen Herr werden kann, wenn man das Gebläse auf volle Stufe stellt. An der ersten Ampel wird daraus nichts mehr, da sonst der ganze Gestank vom vor uns stehenden Auto hereingepustet würde; mit den absehbaren Folgen. Die Hälfte der Strecke legen wir daher im Blindflug zurück und ich schätze, heute hat unser Familienschutzengel seinen Dienst angetreten.

Im Laufe des Tages wird gespuckt, gezeichnet und Tee getrunken. Es entstehen die ersten groben Skizzen vom Umbau und wir versuchen herauszufinden, wie lange es im günstigsten Fall dauern könnte, bis wir hier alle einziehen können. Ich habe noch keine Ahnung, wo das Geld für den Bau herkommen könnte. Ich weiß ja noch nicht einmal, wie viel es sein müsste.

Meine Frau erinnert sich daran, dass wir in der entfernten Bekanntschaft einen Architekten haben und findet auch noch seine Telefonnummer. Mal sehen, ob ich ihn in den nächsten Tagen zu einem Besuch bei uns motivieren kann.

Wir sitzen an diesem Tag noch lange zusammen und planen und zeichnen. Frau U. sagt zum ersten Mal ganz zaghaft, dass es ja auch noch gar nicht sicher sei, dass die Kinder überhaupt überleben. Im folgenden kurzen Moment der Stille geht mir eigentlich nur durch den Kopf, dass dies mal wieder typisch ist. Erst sollte es eine Eileiterschwangerschaft sein und jetzt diese fixe Idee.

27.12.1999 Montag

Der entfernt bekannte Architekt ist derzeit leider entfernt verreist. Meine Anfrage auf seinem Anrufbeantworter hat er von irgend einer Skipiste beantwortet. Er verspricht allerdings, dass er sich Anfang des nächsten Jahres melden wird. Wir können die Zeit bis dahin ja etwas nutzen und uns weiter Gedanken machen, wie der Umbau denn werden könnte …