03.12.1999
Gestern hat meine Frau einen Schwangerschaftstest gemacht. Er war positiv. Sie strahlte anschließend auch. Aber um nun ganz sicher zu gehen, zog sie es vor, morgen zu ihrer Ärztin zu gehen um eine Blutuntersuchung machen zu lassen.
Eigentlich kann es gar nicht anders sein. Seit Tagen begrüßt sie die Kloschüssel früher als mich und heult wenn ein Kandidat bei Glücksrad auf Bankrott dreht. Sollte man sich da nicht sicher sein?
Der Termin gleich morgens bei der Ärztin war wohl ganz positiv. Nein, natürlich hat sie noch kein Ergebnis mitbekommen, aber immerhin hat die Schwester ihr Blut abzapfen können und es irgendwohin geschickt, wo es untersucht wird. Das finde ich immer wieder faszinierend. Zack, Ampulle in Arm, Blut in Ampulle, Ampulle ins Päckchen, Päckchen zu Post und abends kann man anrufen und das Ergebnis bekommen.
Ich ging arbeiten. Was sollte ich auch zu hause rumsitzen und auf die freudige Botschaft warten? Endlich würde es soweit sein und ich könnte den Satz anbringen, auf den ich mich schon mein Leben lang freute. Sie (strahlend und mit feuchten Augen): Ich bin SCHWANGER! Ich (nüchtern und ernst): Von WEM?
Eigentlich sollte das auch nur der Ausgleich dafür sein, dass mir bei unserer Hochzeit in der Kirche bei Androhung der moralischen Höchststrafe verboten wurde nach der Stelle mit den schlechten Zeiten zu fragen. Dieses „Von Wem“ sollte also eigentlich eine Art Wiedergutmachung werden.
Auf der Fahrt nach Hause war ich dann doch etwas nervös. Zu Hause angekommen, strahlte mir meine Frau bereits entgegen. Das war mein Einsatz. Und dann sagt sie: Hi Daddy! Können Sie sich das vorstellen? Kein „Ich bin schwanger“ oder vielleicht noch „Ich kriege ein Kind!“. Nein! Einfach nur „Hi Daddy“!
Na gut, ich gebe zu, das die Freude schon überwog und ich relativ schnell über meinen verpassten Einsatz hinweggekommen bin. Aber irgendwie wurmte mich das doch. Sollte ich jetzt noch jemals die Chance haben, eine solch trockene Erwiderung anzubringen? Vielleicht bei der Taufe, aber eigentlich redet man da nicht so richtig viel bei. Jedenfalls nicht der Vater. Und das Kind in das Taufbecken fallen zu lassen … hmm sollte ich mir vielleicht aufschreiben, so als Notlösung. Nennen wir es einfach „Plan B“.
04.12.
Es ist schon irgendwie seltsam, wenn man am Tag zuvor erfahren hat, das man Vater wird und sich früh morgens ins Auto setzen und geschäftlich nach Lübeck fahren muss. Seltsame Kräfte fangen da an zu wirken. Plötzlich fährt man nur noch 180 und denkt: „Jetzt ist gut. Das reicht, ich bin jetzt vorsichtig…“ Ich meine, es ist ja nicht so, das ich nicht auch vorher an meinem Leben gehangen hab, aber diese plötzliche Verantwortung, nur weil meine Frau so ein 10-12 Zeller in sich trägt, ist schon merkwürdig …
05.12.
Ich nenne meine Frau jetzt nur noch „Nasi“. Sie ist derart geruchsempfindlich geworden, dass das schon beängstigend ist. Nur auf die Frage „Na? Wie läufts?“ reagiert sie etwas seltsam … Versteh ich nicht…
07.12.
Heute war meine Frau zur ersten Ultraschalluntersuchung. Und es war nichts zu sehen! Kann man ja vielleicht nach 5-6 Wochen auch noch nicht erwarten. Nun ist sie allerdings auf die Idee gekommen, das es sich wohl um eine Eileiterschwangerschaft handeln müsse und ist hormonell bedingt furchtbar theatralisch traurig. Das ist nicht einfach für einen Mann. Wie soll „Mann“ damit umgehen?
14.12.
Zweites Ultraschall. Nach endlosen Stunden des Wartens auf den Anruf kam dann endlich die Erlösung. Und das gleich Doppelt! Ein wunderschönes Ultraschallbild von unseren süßen Zwillingen.
15.12.
Meine Großmutter hat Geburtstag. Traditionell wird das seit Jahrzehnten mit einem breit angelegten Familienessen beim Kroaten an der Ecke gefeiert. Dieses Jahr gehen wir in ein zweigeschossiges Chinesisches Restaurant mit goldverzierten Spiegeln und einem großen Zierfischmeerwasseraquarium am Eingang. Nun ja. Alte Leute werden manchmal seltsam.
Wir hielten es für eine tolle Idee, ihr eine eingerahmte Kopie des ersten Ultraschallbildes zu schenken und damit auch gleich den Rest der Familie über das bevorstehende Ereignis zu informieren. Schade nur, dass weder meine Oma, noch sonst irgendwer von den älteren Leuten am Tisch überhaupt eine Ahnung davon haben, was ein Ultraschallbild ist.
So recht will uns keiner glauben, dass es zwei sind. Mein Großvater mütterlicherseits begreift als erster und ordert Sekt. Wie gesagt, wir sind in einem zweigeschossigen Chinarestaurant! Dementsprechend sind meine Erwartungen ob der zu erwartenden Qualität des Sprudelweins.
Meine Frau hält tapfer durch, auch wenn so ganz langsam der Duft von frittiertem Geflügel anfängt ihre sensiblen Geruchsnerven zu drangsalieren. Der Sekt (und ich habe nie wieder etwas ähnliches gefunden, was den Namen „Sekt“ verdient hätte…) wird von drei Kellnern gebracht und genau das ist doch ein guter Moment für meine Frau in Ohnmacht zu fallen. Bumm. Ok – das ist vielleicht doch alles etwas heftig. Nachdem sie dann relativ zeitnah wieder zu sich gekommen ist, beschließen wir, doch eher nach Hause zu fahren. Da liegt Teppich und es fällt sich einfach besser. Der Versuch, meiner Mutter noch zuzuraunen, sie solle mir doch bitte Ente Cross mit scharfem Gemüse und Knoblauch einpacken lassen und nachher vorbeibringen, wird bereits im Ansatz erfolgreich von meiner Frau unterbunden.
17.12.
Mittlerweile ist meiner Frau eigentlich rund um die Uhr schlecht. Das äußert sich zuweilen auch in Missfallensäußerungen mir gegenüber. Der Kamillentee ist zum Grundnahrungsmittel geworden und wir hatten erste Berührungspunkte in Sachen Namensgebung. Nicht das wir den Gleichen vorgeschlagen hätten, vielmehr haben wir mal drüber gesprochen und haben einen wichtigen Schritt in Richtung Problemlösung getan. Wir sind uns grundsätzlich darüber einig, dass die Kinder Namen bekommen müssen.
19.12.
Heute hat meine Frau zum ersten Mal von „unseren Kindern“ gesprochen. Ich hätte eigentlich vermutet, dass es länger dauern würde. Das mit der ständigen Übelkeit schlägt auf unser Gesellschaftsleben nieder. Das ist vielleicht eine gute Gelegenheit schon mal für später zu üben, aber Weggehen ist nicht. Zur Zeit, sagt sie. Wir werden sehen. In irgend einem Buch hat sie gelesen, dass wenn man seinem Mann erklären möchte, wie es einem geht, man ihn an seine schlimmste Magen-Darm Grippe erinnern solle. Meine Frau hat das viel pragmatischer ausgedrückt. Sie sagt, sie fühlt sich, als ob ihr Kopf in einem Eimer mit Sch***** steckt. Das ist dann auch für einen Mann ausgesprochen verständlich ausgedrückt.
20.12.
Unser Kamillenvorrat neigt sich dem Ende zu. Ich hoffe nur, dass nicht irgendwann die Preise dafür steigen. Unsere neue Tea-Time beginnt jetzt immer um 4.30 morgens. Angeblich beruhigt dieses Zeug wirklich. Ich habe ernsthafte Probleme mit diesem Geruch, betrachte es aber als Härtetraining für eventuell nicht vermeidbare Wickelaktionen zu ähnlichen Uhrzeiten.
21.12. Dienstag
Es ist nachts sehr kalt auf dem Balkon und die Wohnzimmercouch ist vergleichsweise hart. Das die Knoblauchcremesuppe beim Weihnachtsessen unserer Firma sehr gut gemundet hat, ist da nur ein geringer Trost. An die Geruchsempfindlichkeit meiner Frau habe ich erst wieder gedacht, als sie aus dem Bett aufsprang, um zur Toilette zu rennen. Als fürsorglicher werdender Vater habe ich mich bereitwillig überreden lassen, das gemeinsame Ehebett wieder zu verlassen – was hat man einem Argument wie „Wenn du nicht sofort verschwindest, kotze ich ins Bett!“ auch entgegenzusetzen?
Mittwoch, 22.12.
Ich bin direkt aus dem Büro in den Großmarkt gefahren. Kamillentee besorgen. Es kommen schließlich einige Feiertage mit geschlossenen Supermärkten auf uns zu. So richtig viel billiger ist der Tee hier allerdings auch nicht. Ich mache mir eine Notiz, dass ich, wenn die Kinder aus dem gröbsten raus sind, groß ins Kamillengeschäft einsteigen werde.
Donnerstag, 23.12.
Die Feiertage stehen an und wir statten der Frauenärztin noch einen Besuch ab. Bis auf die Übelkeit gibt es zwar nichts besonderes, aber sicher ist sicher. Da ich heute bereits Urlaub habe, finde ich die Idee ganz gut, einfach mal dahin mit zu gehen.
Toll. Das ist der erste Arzt, bei dem es keine Autobild zum lesen gibt. Dafür erfahre ich eine Menge wichtige Neuigkeiten über Königin Luisa und ihre Tochter Janice, die beim Golfen einen reichen amerikanischen Sohn kennen gelernt hat und jetzt bei ihrem Volk in Ungnade zu fallen droht. Gerade als ich mich in die Brigitte Ananassdiät vertiefe und die Vorstellung amüsant finde, wie man eine Annanas mit fettarmen Rinderhack füllt und sich dazu einen großen Schluck Molke gönnt, wurden wir aufgerufen. Die folgenden 15 Minuten werde ich wohl mein Leben lang nicht vergessen. Ich gebe zu, dass dies mein erster Besuch einer Gynäkologischen Praxis war. Sicher – ich habe viel gehört, bei Emergency Room gesehen und in „Dr. Stefan Frank“ geahnt, aber live wirkt das Ganze dann doch etwas anders.
Die Ärztin muss von meiner Schmach mit dem „Von wem?“ gewusst oder geahnt haben und begrüßte mich mit einem „Ach? Sie sind der Vater?“. Noch während ich mir überlege, ob diese Frau wohl der Typ Mensch ist, der Ananas mit Rinderhack füllt, huscht ein wissend überlegendes Lächeln über mein Gesicht. „Naja. Meine Frau behauptet das jedenfalls!“. Zack! Der Ellenbogen meiner Frau trifft auf meine unterste Rippe, die ich mir seinerzeit mal übel gebrochen habe. Ich glaube, dass war beim Extrem-Rafting. Allerdings zu spät, denn meine Worte habe ihre Wirkung nicht verfehlt und die Ärztin schaut leicht irritiert zwischen uns hin und her. Mit Blick auf mein leicht schmerzverzogenes Gesicht und als Reaktion auf meinen wirklich gut unterdrückten Schmerzensschrei, legt meine Frau noch eins nach „Und wenn du jetzt als Entschuldigung wieder mit diesem Rafting Quatsch, den dir bei deiner Figur eh keiner glaubt, anfängst, ist was los…!“. Das war jetzt nahe an der Gürtellinie und meiner Meinung nach hört sich Rafting doch besser an als „Firma, Weihnachtsfeier, Bier und Treppengeländer…“. Ich mache mir noch rasch eine gedankliche Notiz, auf die Geschichte mit der Figur bei passender Gelegenheit zurückzukommen und stelle mir meine Frau mit 100cm Bauchumfang vor. Gerade als das Schmunzeln sich auf meinen Lippen zu einem ausgewachsenen Lächeln ausbreiten wollte, unterbrach mich die Ananasesserin von Ärztin mit dem Vorschlag, dass man ja jetzt mit der Untersuchung beginnen könne.
Ich habe ja keine Ahnung, ob das immer so ist, aber die Idee, sich ganz schamvoll und heimlich hinter so einer spanischen Wand auszuziehen, um sich dann anschließend mit weit gespreizten Beinen auf so einem Stuhl wiederzufinden, finde ich schon seltsam. Zumal weder Frau Doktor noch ich irgendetwas entdecken könnten, dass wir zum ersten Mal sehen würden – aber egal, das gehört anscheinend zum Ritual von Frauenarztbesuchen.
Als technisch interessierter Mann war ich natürlich recht angetan von all den Geräten und Sachen die da so stehen. Was diese Ärztin dann allerdings tat, überraschte mich dann doch. Sie nahm etwas in die Hand, was ich das letzt Mal unter der Bezeichnung „Stutenglück“ im Beate Uhse Katalog gesehen habe – und zog so etwas wie ein Kondom darüber. Mein Zahnarzt faselt während der Behandlung immer und beschreibt stetig jeden Schritt, den er als nächstes vorhat. Gelegentlich sogar genauer, als ich es eigentlich gerne hätte. In diesem Moment hätte ich mir doch zu mindestens etwas ähnliches gewünscht. Nachdem dann einige Sekunden später ein Ultraschallbild auf einem Monitor erschien, fing ich an zu verstehen. „Aha. Hm. Ja. Ach, da ist ja das erste und hier – ja – hier ist dann auch das zweite. Wunderbar.“ Dann war ja wohl alles gut. Mehr konnte man ja zu solch einem frühen Zeitpunkt auch nicht sagen. Ich entspannte mich gerade etwas auf meinem Besucherhocker – schließlich hatte ich gerade meine Söhne (NATÜRLICH werden das Jungs), das erste Mal gesehen. Irgendwie war die Ärztin aber noch nicht wirklich zufrieden. Sie ultraschallte noch immer vor sich hin und murmelte so Dinge wie „Hmm. Seltsam. Das hier ist – und das hier – dann ist das wohl, Nein, das ist ja hier…“. Dann nahm sie noch ein anderes Geräte zur Hilfe um dann nach einiger Zeit zu verkünden „Tja. Da ist dann wohl noch ein drittes.“
Drei? Wie drei? Das geht nicht. Das gibt’s nicht. Och nö, also. Warum? Wie jetzt? … hätte ich vielleicht sagen sollen. Aber ich beließ es bei einem „Ach?“. Es ist erstaunlich, an wie viele Dinge man gleichzeitig denken kann. Da war zum einen der Gedanke „Toll. Bei jedem Arztbesuch wird das ein Kind mehr – Hier gehen wir nicht mehr hin!!“ und zum anderen der Sportwagen mit dem dicken roten Strich durch und viele andere Dinge mehr. Wenn ich genau überlege, war da allerdings auch irgendwie überhaupt nichts. Wie wir letztendlich nach Hause gekommen sind, weiß ich nicht mehr. Aber irgendwie haben wir die Nachricht ganz locker aufgenommen. Wir hatten uns mit zweien gedanklich angefreundet, dann macht eins mehr ja wohl nicht mehr so viel aus.
Freitag, 24.12. Heiligabend
Heiligabend ist wieder so ein traditioneller Familienanlass, weder beim Kroaten noch beim Chinesen, sonder vielmehr bei meinen Eltern zuhause. Jetzt, wo alle verstanden haben, was ein Ultraschallbild ist und wie man darauf etwas erkennt, wagen wir es und verschenken erneut gerahmte Ultraschallbildkopien – diesmal mit drei Kindern. Das Essen haben wir diesmal dank der anhaltenden Übelkeit meiner Frau übersprungen – allein das Wort Kartoffelsalat… , aber ich überspringe die Details.
Meine Eltern verstehen sich wirklich gut darauf, Menschen zu motivieren. Man hätte annehmen können, dass sie drei Kinder bekommen und nicht wir. Sie verbreiteten anhaltend Panik, wie um alles in der Welt wir es denn bewerkstelligen wollten, DREI (3 in Worten DREI) Kinder zu bekommen und dann auch noch zu verpflegen. So ein harmonisches Weihnachtsfest hat doch was.
Natürlich dachten wir auch darüber nach, wie das alles werden sollte. In unserer 42qm Wohnung dürfte es wohl schwer werden, ausreichend Platz für drei Kinder zu schaffen. Was die anstehenden neuen Aufgaben anging, wollten wir uns glaube ich gar nicht so recht vorstellen, was da auf uns zukam. Warum sollte man sich schon vorher verrückt machen, wenn man eh nichts daran ändern könnte.
Samstag. 25.12. Erster Weihnachtsfeiertag
Gänsebraten fällt dieses Jahr wohl aus. Obwohl – wenn man ihn vielleicht mit Kamille füllen würde… Dafür wird dieses Weihnachten neben dem Gänsebraten auch die nachfolgende Jammerei über die zugelegten Kilos ausfallen. Wenn ich das für mich abwäge – Lecker Gänsebraten gegen einen ruhigen Jahresanfang; ich denke, satt kann ich eine Menge ertragen. Im übrigen ist ja auch so, dass unsere Nachbarn nun so überhaupt keine Rücksicht auf den Zustand meiner Frau nehmen und sehr wohl Federvieh füllen und backen.
Es gab bei uns selten so sehr ruhige Feiertage. Normalerweise herrschte eine ewige hin- und her Fahrerei zwischen den Eltern und Geflügelbraten jeglicher Art und Kaffee und Kuchen. Meine Frau war sowieso zu wenig zu gebrauchen und den Tankstellenvorrat an Kamillentee hatte ich bereits geplündert. Mit anderen Worten – ich hatte nicht wirklich etwas zu tun und kam zum ersten Mal nach den ganzen Aufregungen der letzten Tage etwas zur Ruhe.
Unser Leben würde sich wohl enorm verändern. Ich schaute mich in unserer 42qm Wohnung um und musste zugeben, dass es wohl unwahrscheinlich sei, dass wir hier noch allzu lange wohnen würden. Wir hatten schon einige Male darüber gesprochen, das Haus meiner Schwiegereltern umzubauen und zu vergrößern und es gab auch eine Art Zeitplan dafür. Doch der sah doch etwas anders aus, als die acht Monate, die uns im Idealfall jetzt noch blieben. Gleich nach den Feiertagen sollte ich einen Architekten mal mit einer Art Machbarkeitsstudie beauftragen, denn eine Zwischenlösung würde nur unnötig Geld kosten und für die erste Zeit könnten wir auch in diesen 1½ Zimmern auskommen. Apropos auskommen – was kostet eigentlich eine Packung Windeln? Und wie viel braucht man davon wohl pro Tag und Kind? Gibt es eigentlich Drillingskinderwagen? Und sollte es Drillingskinderwagen tatsächlich geben, in welches Auto passt ein solcher dann? Wie hoch ist eigentlich das Kindergeld?
Sonntag, 26.12.1999 Zweiter Weihnachtsfeiertag
Aufgewärmte Gans riecht auch. Die Nachbarn sind aber auch so was von ahnungslos. Eine Zumutung ist das. Meine Frau verspricht mir, dass sie die 20 Minuten Fahrtweg zu ihren Eltern ohne Spuckattacke überstehen kann und wir beschließen dort hin zu flüchten. Einerseits können wir dann schon mal etwas über den Umbau nachdenken und meine Frau kommt mal wieder aus dem Haus. Schnell noch die Thermoskanne mit dem Grundnahrungsmittel Kamillentee befüllen und dann kann die Reise losgehen.
Zwölf Kilometer Autofahrt mit einer Schwangeren als Beifahrer sind eine vollkommen neue Erfahrung. Als erstes ist das Citrus-Hängebäumchen am Rückspiegel rausgeflogen, noch bevor ich losfahren konnte. Das würde riechen. Ach? Und was macht Kamillentee? Aber ich bin ja ein friedliebender Mann und mache was meine Frau wünscht. Unser alter Opel hat die dumme Angewohnheit, dass bei Kälte die Scheiben extrem beschlagen und man dem nur einigermaßen Herr werden kann, wenn man das Gebläse auf volle Stufe stellt. An der ersten Ampel wird daraus nichts mehr, da sonst der ganze Gestank vom vor uns stehenden Auto hereingepustet würde; mit den absehbaren Folgen. Die Hälfte der Strecke legen wir daher im Blindflug zurück und ich schätze, heute hat unser Familienschutzengel seinen Dienst angetreten.
Im Laufe des Tages wird gespuckt, gezeichnet und Tee getrunken. Es entstehen die ersten groben Skizzen vom Umbau und wir versuchen herauszufinden, wie lange es im günstigsten Fall dauern könnte, bis wir hier alle einziehen können. Ich habe noch keine Ahnung, wo das Geld für den Bau herkommen könnte. Ich weiß ja noch nicht einmal, wie viel es sein müsste.
Meine Frau erinnert sich daran, dass wir in der entfernten Bekanntschaft einen Architekten haben und findet auch noch seine Telefonnummer. Mal sehen, ob ich ihn in den nächsten Tagen zu einem Besuch bei uns motivieren kann.
Wir sitzen an diesem Tag noch lange zusammen und planen und zeichnen. Frau U. sagt zum ersten Mal ganz zaghaft, dass es ja auch noch gar nicht sicher sei, dass die Kinder überhaupt überleben. Im folgenden kurzen Moment der Stille geht mir eigentlich nur durch den Kopf, dass dies mal wieder typisch ist. Erst sollte es eine Eileiterschwangerschaft sein und jetzt diese fixe Idee.
27.12.1999 Montag
Der entfernt bekannte Architekt ist derzeit leider entfernt verreist. Meine Anfrage auf seinem Anrufbeantworter hat er von irgend einer Skipiste beantwortet. Er verspricht allerdings, dass er sich Anfang des nächsten Jahres melden wird. Wir können die Zeit bis dahin ja etwas nutzen und uns weiter Gedanken machen, wie der Umbau denn werden könnte …