Archive for April, 2010

Dreck.

„Zögernd öffnete er die Tür.“ — Ich schmeiße den Roman in die Ecke. So ein dreckiger Schund. Dieser Satz ist nur der Gipfel von zweiundvierzig dreckigen Schundseiten. Welcher beschränkte Mensch traut sich, so etwas einen Roman zu nennen? Stolz sollte ich sein, dass ich überhaupt bis hierher durchgehalten habe. Immer in der Erwartung, dass sich mir spätestens auf der nächsten Seite der Sinn dieses Textes erschließen würde. Doch ich bin nicht stolz. Ich bin am Ende. Ich kann nicht mehr. Ich will keine kraftlosen Plattitüden, keine vorhersehbaren Wendungen, keine flachen Charaktere. Es ist immer wieder das Gleiche. Du nimmst einen Text. Du liest ihn. Deine Gedanken schweifen irgendwann ab. Du hast keine Chance bei ihm zu bleiben. Immer wieder. Du freust Dich schon über andere Namen, andere Orte oder andere Papiersorten. Das sind an einem Donnerstagabend Deine Höhepunkte. Einsame Höhepunkte nach vier Tagen voller Qual und Ekel. Es widert Dich an. Jeden Tag etwas mehr. Jede Woche. Jeden Monat. Und irgendwann wirst Du Dich rächen. An ihm. Er stiehlt Dir Deine Zeit. Schickt Dir seinen unverlangten Bockmist. Und Du musst ihn lesen. Er meint, er wäre der Allergrößte. Der Beste. Nur leider unverstanden. Bisher. Aber jetzt schlüge seine Stunde. Weil er seinen Roman, diesen Drecksroman, endlich fertig geschrieben hat. Er wird gefeiert werden. Er wird hofiert werden und die Leute werden ihm seinen erbärmlichen Dreck aus den Händen reißen. Er sieht sich im Scheinwerferlicht und im tosenden Applaus.

Doch er hat nicht mit mir gerechnet. Denn ich bin die Hürde, die Instanz und die Möglichkeit.
In Wirklichkeit.

Ich sammle die losen Blätter aus der Ecke des Büros zusammen, stopfe sie zurück in den Umschlag und verlasse den Raum. Durch den leeren Flur gehe ich zu der Sekretärin des Lektorats und knalle ihr den Umschlag auf den Tisch. Auf einen Zettel schmiere ich: „Ablehnung! Lass es vier Wochen liegen. Dann Standardschreiben. Wieder nur Dreck! Reiner, erbärmlicher Dreck!“ Meine Augen wandern auf die fünf neuen Umschläge in meinem Postfach.

Dreck.

Mein Berlin. Ein Werkstatttext.

Es ist Montag und ich habe Kopfschmerzen. Und ich bin spät dran. Meine morgendliche Zwangs-U-Bahnfahrt beginnt wie so häufig an der Nervenklinik. Mit dem Glück der späten Bahn erhasche ich einen Sitzplatz und nehme meine aktuelle Untergrundlektüre aus dem Rucksack.

Am U-Bahnhof Pankstraße setzt sich ein alter Mann neben mich. Er guckt maulig und war bestimmt im Krieg. Er hat diesen Blick. Diesen Blick der alten Herrschaften, die mir einimpfen wollen, was sie seinzeit alles für unser Land geleistet haben. Diesen Blick, der vorwurfsvoll bohrend kritisiert, was meine Generation daraus gemacht hat. Aus all ihren Leistungen.

U-Bahnhof Voltastraße. Schon bei der Einfahrt des Zuges ahne ich Schlimmes. Es sind Stimmen zu hören. Kinderstimmen. Viel mehr Kinderstimmen, als ich an einem Montagmorgen mit Kopfweh ertragen kann. Natürlich hält der Wagen in dem ich sitze genau vor der Kinderschar. Die Türen öffnen sich und es strömen gefühlte 200 Erstklässler in den Zug. Die Sitzbank gegenüber ist leer und wird zwangsläufig von zwei der Eindringlingen okkupiert. Der maulige Held neben mir schaut auf. Neben der Bank ist ein Junge übrig geblieben. Er will nicht stehen und fordert seine Kameraden – im Übrigen alle drei mit Migrationshintergrund – auf, Platz zu machen. Diese denken jedoch nicht daran. Es passiert, was passieren muss. Es wird lauter. Es wird gekabbelt. Es fallen ein paar Wörter, die Mami und Papi so nicht zu Hause hören wollen. Aber alles im U-Bahnverträglichen Rahmen. Der Alte neben mir schaut auf. Na klar. Drei kleine Türken und der maulige Mann. Das geht doch schief. Der Alte holt jetzt Luft. Ich mache mich innerlich bereit, für einen drohenden Blick. Mindestens. Der Maulige fasst dem dem immer noch stehenden Kind an die Schulter, ich klappe mein Buch zu. Er sagt: “Ey nu mach da ma keenen Stress! Hia sez da hinn!”, steht gleichzeitig auf und drückt den Kleinen dabei auf seinen freigewordenen Platz. Und das alles mit der liebsten Lieblingsopastimme der Welt. Es folgt ein Augenzwinkern und er stellt sich ohne ein weiteres Wort, einfach so, neben die Tür.

Ich bin baff. Und irgendwie … irgendwie glücklich.

Für einen Moment liebe ich mein Berlin.

Sonne. Ein Werkstatttext.

Die Sonne schien direkt in den Spiegel und kitzelte mich in den Augen. Ich musste kneistern. Ist Euch eigentlich schon einmal aufgefallen, wie dämlich man aussieht, wenn man kneistert? Ich muss zumindest davon ausgehen, dass ich dabei dämlich aussehe, denn wenn ich jemanden Anderen sehe der kneistert, sieht das immer sehr dämlich aus. Mich selber kann ich während des Kneisterns ja nicht sehen. Nach all den anderen Menschen die ich dabei beobachtet habe, kann ich allerdings auch sehr froh darüber sein. Aber lassen wir das. Ich saß auf dem Hochstellstuhl und wartete darauf, dass Tina Zeit für mich hatte. Tina ist mein persönliches Synonym für Frisöse. Meine erste Frisöse hieß Tina. Die Zweite auch. Die Dritte habe ich dann nicht mehr gefragt. Ich hatte die Regelmäßigkeit erkannt. Lustigerweise hat einmal eine Frisöse behauptet, sie hieße Manuela. Ich habe sie gefragt, warum sie denn ihren wirklichen Namen verleugne. Da hat sie nur sehr dämlich geguckt und mit den Augen gekneistert. Ich grübele heute noch darüber nach, ob die Delle, die sie mit der Rasiermaschine in mein Haupthaar schnitt, nicht vielleicht doch Absicht war. Irgendwie war diese Tina seltsam. Wie auch immer. Gestern saß ich jedenfalls in einem neuen Frisiersalon. „Hairfair“ – jeder Schnitt 10 Euro. Muss man ja mal testen. Während ich also auf Tina wartete, schien mir die gespiegelte Sonne mitten ins Gesicht. Als Tina dann endlich kam, fragte sie gleich, wie ich es denn haben wollte. Ich hatte gerade noch den Gedanken von den dämlich kneisternden Menschen im Kopf und mir muss innerlich noch sehr lustig zu Mute gewesen sein. Anders kann ich mir meine Frisur-Wunsch-Beschreibung jedenfalls nicht erklären. Ich sagte zu ihr, sie solle es so machen, als ob sie mich anschließend mit nach Hause nehmen wollte. Ich fand diese Bemerkung lustig. Frauen reagieren allerdings mitunter sehr seltsam auf Dinge, die ich lustig finde. Und Tina? Sie ging, ohne ein Wort zu sagen, zu der Sitzgruppe für die Wartenden, nahm eine Bunte Zeitschrift vom dazugehörigen Tisch, schnitt an irgendeiner Seite herum und kam dann mit dem Schnipsel wieder zu mir zurück. „Hier, halt Dir das mal vor Dein Gesicht“ sagte sie und drückte mir Brad Pitt in die Hand.

Manche Tinas sind wirklich seltsam.

Schokoladensondersteuer.

Donnerstag mittag. Im Outleteinkaufscenter ist die Hölle los. Ich mache den nachhaltigen Fehler und betrete den Lindtladen. 45qm voll Schokolade. Und voller Menschen. Gefühlte 150 drängeln sich zwischen Zweiterwahlschokolade und Bruchtüten. Die Gesichter der Einkäufer sind zu bizarren Grinsefratzen verzogen. Voll der Vorfreude auf Vollmilchorgasmen und Zartbittererlebnisse der besonderen Art werden kiloweise die Kilojoules in Tüten verpackt und hinaus getragen. Als ob es kein Morgen gäbe. Zumindest kein Schokoladenfeinpraliné-Morgen. Vielleicht habe ich auch nur verpasst, dass die Regierung angekündigt hat, ab sofort eine Schokoladensondersteuer zu erheben. Sicherheitshalber packe ich noch zwei Pakete Herbesahne in meinen schweren Einkaufskorb und falle gierig grinsend über den Sonderposten Trüffeltraubentafelschokolade her. Man kann ja nie wissen.