eBook. Eine mögliche Vorhersage.


Eines Tages wird Steve Jobs einen DIN-A5 Umschlag vor sich auf das Sprecherpult legen und anfangen zu reden. Er wird über Apples grandiose Verkaufszahlen sprechen, ein paar Scherze über Microsoft machen und etwas später dann ein sehr schlankes, fürchterlich sexy aussehendes Gerät aus dem Umschlag holen. Den iReader. Es wird vorher wochenlanges Gemunkel gegeben haben. Gerüchte und Theorien. Nun wird er ihn hochhalten, den iReader. Auf der Leinwand hinter ihm wird eine Webseite zu sehen sein, die iLetters heißen könnte. Jobs wird Verträge mit den Verlagsgrößen der Welt bekanntgeben, die es möglich machen, Bücher digital auf den iReader herunter zu laden. Er wird Verträge mit den großen Periodika-Publizisten bekannten geben, die es möglich machen, Tageszeitungen und Zeitschriften als BookCast zu abonieren. Es wird möglich sein, eigene Inhalte sehr einfach über den iLetters-Store zu verbreiten.

Und die Menschen werden es tun.

Die Frage treibt mich seit Wochen. Was soll den Siegeszug des eBooks aufhalten?

Instinktiv sträubt sich bei mir innerlich alles gegen ein elektronisches Buch, welches als Ersatz für ein echtes Buch herhalten soll. Also für das, was ich für ein echtes Buch halte. Ich finde Argumente, die so stichhaltig sind, dass es gar nicht anders sein kann, als dass das eBook grandios scheitern wird. Nur wenig später fallen mir mindestens zwei Gegenargumente ein.

Beispiele gefällig? Gern.

Ein echtes Buch bietet ein besseres Leseerlebnis. Na und? Die Schallplatte bot auch ein besseres Hörerlebnis (wenn man sorgfältig mir ihr umging). Das hat sie auch nicht davor bewahrt, erst durch die CD und dann durch das mp3-Format quasi-abgelöst zu werden.

Ein echtes Buch kann ich anfassen, fühlen, riechen in den Schrank neben all die anderen Bücher stellen. Mein Bücherregal ist mein Stolz. Alle sollen sehen können, was ich für tolle Bücher habe. Na und? Es gab Zeiten, da habe ich viel Geld für CD-Regale ausgegeben. Ich kenne Menschen, die nur wenig jünger sind als ich, die CDs höchstens noch für eine Sicherungskopie ihrer mp3-Sammlungen nutzen.

In ein echtes Buch kann ich hineinklieren, Eselsohren hinein drücken und Markierungen anbringen. Na und? Ich bin mir sicher, dass der iReader genau das auch kann. Und er kann sie auch wieder herausnehmen, wenn ich es mir später anders überlegt habe.

Was ist mit den Leihbüchereien? Dieses für das Bildungssystem überlebenswichtige Instrument, diesem für Familien so unschätzbar wertvollem Ort? Was soll mit denen sein? Die können sich die Parkplätze sparen, weil nicht mehr so viele Leute kommen. Die Bücher werden online verliehen. Wo ist der Unterschied?

Ich bin mir mittlerweile sehr sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis es ein Leseprodukt gibt, welches alle Vorzüge eines elektronisches Buches derart in den Vordergrund stellt, dass die Nachteile ignorierbar werden. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass der Hersteller dieses Produktes einen Apfel im Logo haben wird.

Ich werde dieses Produkt solange ignorieren, bis mir meine Tageszeitung ein Abo vorschlägt und mir als Prämie dieses Produkt zu einem stark vergünstigten Preis anbietet. Als U-Bahnnutzer werde ich die plötzliche Armfreiheit zu schätzen wissen. Neugierig wie ich bin, werde ich etwas später vielleicht einen Bestseller-Roman, den ich sonst allenfalls als Taschenbuchausgabe gekauft hätte, in der eBook-Variante ausprobieren.

Es könnte durchaus passieren, dass das elektronische Leseerlebnis gar nicht so schlecht finde. Zumal ich mir vielleicht aussuchen kann, ob ich jetzt gerade selber lesen möchte oder doch lieber den Text vom Autor vorgelesen haben möchte. Vielleicht kann ich auch den Namen eines Charakters mit dem Finger antippen und erhalte eine Kurzinformation von Dingen, die ich auf dieser Seite des Romans schon wissen sollte. Vielleicht kann ich die Musik hören, die der Autor seine Darsteller hören lässt.

Vielleicht werde ich aber auch Erlebnisse wie die Erinnerung an den einen Abend im Oktober  2007 vermissen. Ein bekannter Buchlieferant hatte es nicht geschafft, mir – wie versprochen -rechtzeitig den letzten Teil einer Buchreihe über einen kleinen Zauberer zu liefern. Also stieg ich kurz vor 23 Uhr in mein Auto und fuhr in die Berliner Innenstadt, um dort nachts – gemeinsam mit vielen anderen Menschen -  an der  Kasse eines großes Buchgeschäfts anzustehen und ein Buch zu kaufen.

Ich bin sicher, dass meine Kinder das für eine sehr abwegige Vorstellung halten werden.

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