Willkommen auf der Leipziger Buchmesse.
Als man mich fragte, ob ich mit einer Gruppe von Schriftstellerlehrlingen zur Leipziger Buchmesse fahren wollte, sagte ich spontan ja. Ohne genau zu wissen, was ich da sollte. Es war so ein Gefühl, dass ich mich dazu veranlasste, da hin zu wollen. Manchmal habe ich so etwas. Ich fühlte, nichts könnte mich mehr motivieren, als so ein Tag voller Bücher, voller Autoren, Verlage und voller lesender Menschen. Dachte ich. Aber die Wirklichkeit war dann doch etwas anders. Voll war es. Es gab Bücher, Verlage, lesende Menschen und Autoren. Alles in Hülle und Fülle. Nur das mit der Motivation … das ist grundlegend schief gegangen. Jede Stunde in einer Thalia Buchhandlung bringt mir mehr, als ein Tag in dieser Welt der kommerzialisierten Bücherhölle.
Die Schriftstellerlehrlinge hatten ein Verlagsgespräch organisiert. Unser Tag sollte also mit einer halbstündigen Unterhaltung mit zwei Mitarbeitern einer halbwegs bekannten Verlagsgruppe aus dem süd-westdeutschen Raum beginnen. Ich war sehr erstaunt, dass der Verlag sich extra für uns Zeit nehmen wollte und hatte mir einiges davon versprochen. Wann hat man schließlich schon Gelegenheit einen Blick in die für Autoren so verwirrende wie begehrenswerte Welt der Verlage zu werfen? Meine Vorbereitungszeit für den Messebesuch war aus vielerlei Gründen sehr eingeschränkt, daher nahm ich mir, obwohl mir der Name der Verlagsgruppe sehr bekannt vorkam, nicht die Zeit zu recherchieren woher. Als wir dann endlich (nach gefühlten zwei Stunden Anstehen an der Kasse – warum, liebe Messeorganisatoren, kann man Gruppenkarten eigentlich nicht im Vorverkauf erwerben? – ) am mit dem Verlag vereinbarten Raum ankamen und sich unser Gesprächspartner vorstellte, dämmerte es mir relativ schnell, woher ich meine Assoziationen zum Namen hatte. War da nicht dieser Rechtsstreit …? Aber lassen wir das. Ist nicht mein Thema, auch wenn ich meine ganz eigene Meinung dazu habe. Es stellte sich bald heraus, dass wir es mit einem sog. Zuschussverlag zu tun hatten und das Interesse unseres Gegenübers sehr wirtschaftlich geprägt war. Das Wort Zuschussverlag fiel nur einmalig direkt zu Beginn der Veranstaltung. Dies allerdings auch nur, um zu erklären, dass es ein falscher Begriff sei und es sich vielmehr um einen Dienstleisterverlag handele.
Der Herr war bestrebt, das Geschäftsmodell des mitfinanzierenden Autors in einem mehr als positiven Licht darzustellen und bemühte sogar Goethe als Beispiel für eine erfolgreiche Zuschussgeschichte. Letztendlich nahm der Herr vom Verlag sich sogar wesentlich mehr Zeit, als vereinbart. Es war eine sehr merkwürdige Veranstaltung, aber eins hat sie mir dennoch gebracht. Ich werde nie in die Versuchung kommen, über eine Geschäftsbeziehung mit einem Zuschussverlag nachzudenken. So verzweifeln kann ich gar nicht, um mich mit diesen Personen einzulassen.
Den Rest des Tages verbrachte ich mit Umherziehen auf dem Messegelände. Ich hatte mir in meiner knappen Vorbereitungszeit mit dem (übrigens technisch wie praktisch hervorragenden Veranstaltungsplaner der Messe die für mich interessanten Veranstaltungen des Tages herausgesucht. Natürlich waren diese – geprägt von den weit möglichsten Entfernungen – quer über das Messegelände verteilt. Eine der ersten Lesungen die ich mir anhören wollte, war die Preisverleihung des literareon Kurzgeschichten-Wettbewerbes. Schließlich hatte ich da auch schon mehrfach mitgemacht und hielt es für spannend, einmal die Sieger eines solchen Anthologien-Preises zu erleben. Und wie ich sie erlebte. Die Veranstaltung fand auf einer „zentralen“ Bühne (ganz am Rande der Halle 5) statt und die vorher abgehaltene Preisverleihung von irgend einem Verband an irgend einen Ungarn erinnerte doch stark an ein Werk von Loriot. Während der Verband und der Ungar hoffnungslos überzogen, hatte ich Gelegenheit, das kleine Grüppchen junger Menschen, die neben mir warteten, näher zu beobachten. Nach wenigen Augenblicken hatte sich herausgestellt, dass dies die Preisträger des literareon Verlages waren, die hier mit schwitzigen Händen und nervösem Geplapper auf ihren großen Auftritt warteten. Irgendwann waren der Verband und der Ungar auch fertig und das Gewinnerensemble betrat die Bühne. Während bei der Vorgängerveranstaltung noch sämtliche Stühle belegt waren, leerte sich der Zuschauerbereich nun zusehends.
Wenn ich mich nicht sehr irre, waren die verbliebenen Gäste allesamt von den Preisträgern mitgebracht. Die gelesenen Texte selber hatten dann in Etwa das Niveau von Schülerzeitungsglossen. Wobei ich fairer Weise gestehen muss, dass ich nach anderthalb Texten verschwunden bin. Mir wurde übel bei dem Gedanken, dass ich mit meiner Einsendung vor ein paar Jahren noch nicht einmal in der Anthologie gelandet war, geschweige denn einen Preis gewonnen hätte. Ich redete mir erfolgreich ein, dass seinerzeit das Niveau noch um Welten höher gelegen haben musste. Aber auch bei dieser Veranstaltung konnte ich wenigstens eine Erfahrung verbuchen. Nie möchte ich in die Verlegenheit kommen und vor den Verwandten meiner Mitpreisträger am Rande einer Halle der Leipziger-Buchmesse zu lesen. Einsendungen zu Kurzgeschichten-Wettbewerben sind ab sofort gestrichen.
Das Umherstreifen durch die Hallen hat bei mir eine recht surreale Wirkung hervorgerufen. Immer wieder fanden an Ständen Lesungen von Autorinnen statt, die an Schreibpulten standen (sind das dann nicht eher Lesepulte?) und verzweifelt gegen den Messelärm anlasen. Die Texte der Lesenden verloren sich hilflos im Gedränge und während man den einen Textfetzen hinter sich lassend weiter lief, kam man schon am nächsten Halbsatz einer anderen Autorin an. Inhaltlich vermengten sich diese Eindrücke zu einem banal-kakophonischem Gesamtkunstwerk. Ich hätte mir Notizen machen sollen und wäre noch am selben Abend in der Lage gewesen, einen großartigen, kunstvollen Gedichtsband nieder zuschreiben. Das Notieren vergaß ich leider angesichts der betörenden Wirkung der entstehenden Satzkonstrukte. Schade. Die Welt muss wohl leider ohne meinen Gedichtsband (Arbeitstitel Leipziger Allerlei?) weiterleben.
Nur einmal schaffte es eine Autorin (warum lasen eigentlich nur Frauen?) mich mit ihren Worten festzuhalten. Wobei es genau genommen gar nicht die Worte waren, sondern vielmehr ihre Art, jeden – aber auch jeden – Satz des Textes mit enorm schwungvollen Armbewegungen zu untermalen. Aus gutem Grund war sie die einzige Lesende, die weder Wasserglas noch –flasche vor sich stehen hatte. Gelesen hat sie an sich gar nicht schlecht. Damit war sie vielen anderen Vorlesenden weit voraus. Aber irgendwie konnte sie trotzdem nicht verhindern, bei mir den Eindruck einer unterbeschäftigten, nur auf die Rückkehr des stetig arbeitenden Mannes wartenden Hausfrau zu hinterlassen. Ich kann das gar nicht genau erklären und wahrscheinlich war der Eindruck auch falsch, denn wie ich später im allwissenden amazon-online-Laden las, handelte es bei ihrem Text um den richtigen Lesestoff für alle, die unnötig traurig darüber sind, dass sie alleine leben. Na dann, Cheers!
Das dritte wertvolle Mitbringsel aus Leipzig war demnach die Erkenntnis, niemals – aber auch wirklich niemals – einer Lesung auf einer Messe zuzusagen. Im Vorfeld fragte ich mich noch, warum die ganzen bekannten Autoren nur abends in irgendwelchen Leipziger Kneipen oder Buchhandlungen lesen. Manchmal bin ich einfach naiv.
An einigen Verlagsständen prangten Schilder mir der Aufschrift >>Manuskripte gesucht<< oder >>Autoren gesucht!<<.
Und immer wieder standen mehrere arme, kleine Autorenwürstchen hoffnungsgeladen mit einem Stapel Altpapier in den Händen vor fettig-glänzenden Verlagsvertrieblern, die ihnen schleimig-ekelhaft die Augen glänzend redeten mit der farbenfrohen Aussicht auf den baldigen Bestseller. Mir will nicht in den Sinn, wie man derart realitätsfern sein kann, um auch nur einem Wort dieser Verlags-Zombies Glauben zu schenken. Allein deren optische Erscheinung – irgendwo zwischen Gebrauchtwagenverkäufer und Scientologe– legt ein gesundes Misstrauen nahe. Aber was machen Menschen nicht alles, wenn sie verzweifelt sind. Autorenverzweiflung – dieses Wort steht zwar weder im Duden noch in der Wikipedia – aber es gehört meiner Meinung nach ganz dringend dort hinein. Oder in den Pschyrembel.
Und das Fazit meiner ersten Buchmesse? Oder gar eine Moral? Enttäuscht war ich von der allgegenwärtig greifbaren Verzweiflung. Jeder und Alles rang verzweifelt nach Aufmerksamkeit, kämpfte gegen die Ignoranz der Vorbeiziehenden. Wer nicht verzweifelt war, erschien mir überfordert ob des Überangebotes von Papiertaschen und Prospekten.
Ich war begeistert von den vielen Menschen. Das sind schließlich alles potentielle Leser meiner zukünftigen Bestseller. Und wenn die Kunden schon da sind, muss ja nur noch das Produkt platziert werden. Gut so. Im Ernst. Die Leipziger Buchmesse hat zum 13. Mal in Folge einen Besucherrekord aufgestellt. Das lässt mich für das Buch als Solches hoffen. Und das finde ich toll. Ich habe wertvolle Erkenntnisse mitnehmen können. Leider Andere, als ich mir vorher erhofft habe, aber dennoch wertvolle. Nächstes Mal – ja, es wird ein nächstes Mal geben – werde ich mir die Notizen für den grotesken Gedichtsband machen und mich damit einer literarischen Unsterblichkeit zuführen- und ich werde einen größeren Rucksack mit besser gepolsterten Schultergurten mitnehmen (natürlich für die Autogrammkarten, die ich während meiner Signierstunde am Stand vom Randomhouse-Verlag zu verteilen gedenke).



Was ich mich ja im Zusammenhang mit Autorenlesungen immer frage: Muss es denn überhaupt so sein, dass diejenigen, die die Bücher schreiben, sie auch selbst vorlesen? Vielleicht ist so ein Autor zwar fantastisch im Umgang mit der Feder, bringt aber selbstlesend kaum ein vernünftig betontes Wort über die Lippen. Können die nicht einfach andere Menschen lesen lassen, die das gelernt haben?
Wie wahr, wie wahr …
Willkommen zurück, lieber Maggi
Also eigentlich wollte ich ja schon immer mal gerne auf die Frankfurter Buchmesse, aber wenn es da so ähnlich ist wie die beschriebene in Leipzig ist die Lust mir ja schon fast vergangen.
Ich schliesse mich Maggi an und meine, dass nicht unbedingt ein Autor sein Werk selbst vortragen muss. Ich habe auch schon sehr schlechte Lesungen anhören müssen. Gut schreiben können heisst ja nicht unbedingt auch gut vorstellen können. Ich glaube auch, dass ich schon den ein oder anderen eigentlich guten Vortrag durch eine schlechte Vortragsweise verdorben habe…